Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- [11.] für das Schlujahr 1887-88 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- – (sequence 117)
- Language
- German
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114 waren vierzehn Tage niclit ausreichend, da Waisen unter den Ausgetriebenen sich befanden, deren auf Häuser ausgeliehenes Vermögen so rasch nicht hereinzubringen war. In ihrer Bedrängniss und Verzweiflung wandten sich Sichter und Beisitzer der Gemeinde an den Fürsten Lobkowitz mit einem Bittgesuche x), in dem sie die *f Unmöglichkeit des ihnen Auferlegten auseinandersetzen. Von ihm, seiner Gerechtigkeitsliebe und Barmherzigkeit erwarteten sie, dass er den Kaiser zur Erstreckung des Ausweisungstermines auf ein Jahr werde zu bewegen wissen. Aber der Obersthofmeister kannte Stimmung und Gesinnung des Kaisers zu gut, als dass er vor ihm zum Anwalt einer so verhassten Sache sich hätte aufwerfen mögen. Und wäre selbst des Kaisers Herz angesichts der Härte der Wirklichkeit zu erweichen gewesen, so war zu allem Unglück gerade jetzt in Leopold Graf Kollonitsck ein Mann in die Action getreten, der als Beirath und Ooncommissarius das Feuer gegen Andersgläubige nur zu schüren und zu nähren wusste. Eben hatte er, der Johanniter, in dessen waffengewohnter Hand der Krummstab selbst zum Werkzeuge des Kampfs und der Verfolgung wurde, dem ihm unbehaglich und schwül dimkenden Bischofssitze zu Tyrnau in seinem Vaterlande Ungarn entsagt und das kleinere Hofbistlium Wiener-Neustadt angetreten * 2), von wo er bequemer und ruhiger für Kaiser und Kirche gegen Ketzer und Aufständische wühlen und wlithen konnte, als die Wiener Judenschaft die schwerste Krise seit ihrem Bestände bedrohte. Er hatte noch gefehlt, um das Leidensmass der Unglücklichen voll zu 0 2 ז ג) Raudnitzer Archiv s. s. —— J G. 2) »Den GrafFen von Collonitsch ist das Bistumb Neustatt nach Resignation des Bistmnbs Neutra nun mehro völlig eingewiesen, diser als con-Commissarius, hat es so weith gebracht, daz nunmehr 11 in 1200 Juden die Stadt raumen muessen, dergestalt daz deren vber 1000 alliier sich nit mehr befinden«, so berichtet der schwedische Gesandte Hanns Heinrich von Gebsattel am 12. September 1669 seinem König, wie ich Dank der Güte des Herrn C. T. Odhner seinen diplomatischen Berichten im Reichsarchiv zu Stockholm entnehme. Joh.Joach. Becher, Politische Diseurs 648, der Kollonitsch so nahe gestanden, kennzeichnet ihn mit den Worten : »der Herr Graff Kollonitz / Bischoff zu Neustadt / und Cammer- Präsident in Ungarn / welcher vormahlen / gewiss zu ewigem Angedenken / die Juden von Wien vertreiben helffen«. Maurer hat diese wichtige zeitgenössische Quelle sich entgehen lassen. Seine Darstellung von Kollonitschs Antheil an der Vertreibung der Juden 39 ff. folgt Anderen und bedarf durchaus der Berichtigung.