Mannheim
Compact Memory

Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest · 1888-01-01 · [11.] für das Schlujahr 1887-88 (1888) · page 99

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
Volume
[11.] für das Schlujahr 1887-88 (1888)
Date
1888-01-01
Page
– (sequence 99)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3122061-3122082--1574-3123750
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

96 verdüstert. Innocenz XI. zeigte nicht übel Lust, ihn heim Lehen heilig zu sprechen. Hatte er doch alle Begabung seines Geistes, alle Tugenden seines Gemiithes in den Dienst der Kirche gestellt. Aber er bedurfte der Canonisation nicht, denn er glaubte an die Heiligkeit seiner Person, an die gottgesetzte Majestät des Herrscherthums. Über sie wachte er denn auch mit aller Leidenschaftlichkeit, die in ihm übrig war, ohne Spur von Weichheit, ohne einen Zug der Schlaffheit, die er sonst so leicht verrietli. Darum ward jede geäusserte Willensregung, und wäre sie in ihren Folgen noch so furchtbar gewesen, eine unwiderrufliche Thatsache, darum versteinerte gleichsam jeder gefasste Entschluss; ein Schwanken aus Milde hätte als Schwäche den Glanz der Majestät getrübt. Im Entschliessen unselbstständig, im Durchführen unerschütterlich, hieng er ganz von seinen Käthen ab, deren Verantwortlichkeitsgefühl nicht geschärft wurde, da sie hinter dem kaiserlichen Willen sich geschützt sahen. In der Jesuitenmoral aufgewachsen, dem Probabilismus huldigend, brauchte er in jeder Frage nur eine Anzahl von Stimmen oder Gründen, um ihr unbedenklich und wider alle Bedenken sich anzuschliessen 1). Die Gefahren für die Andersgläubigen lagen so nicht im Kaiser selbst, der keinerlei Antrieb verspürte, die angetroffenen Verhältnisse abzuändern oder gar umzustürzen, aber alle Bedingungen waren in ihm vorhanden, Anlässe und Anstiftungen, wie sie sich einstellen, auf das Aeusserste verderblich werden zu lassen. Für die Juden von Wien nahte das Verhängniss schnell. Sonntag am 5. Dezember 1666 hielt die spanische Infantin Margarethe Therese als Gemahlin Kaiser Leopolds ihren- Einzug in die Wiener Hof־ bürg. Aus der klassischen Heimath der Verfolgungssucht, wo der Judenhass die Juden überlebte, aus Spanien, hatte die 16-jährige Kaiserin das Grauen vor den gehassten Unbekannten an den Wiener Hof verpflanzt2). Wohl scheinen, nachdem Monate hindurch des Gepränges und des Jubels kein Ende war, am Schlüsse der Festlichkeiten auch die Juden zur Huldigung zugelassen und ihr Geschenk, ein gewickeltes Knäblein in silbener Schale, eine kost- J) J. v. Dollinger und Fr. H. Reuseh, G-escliichte der Moralstreitigkeiten in der römisch-katholischen Kirche seit dem XVI. Jahrhundert 105. 2)Fufendorf 60 nennt sie : »gar ein schwaches und zartes Frauenbild, mehr auferzogen eine Religieuse als eine Prinzessin zu agiren.«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.