Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- [11.] für das Schlujahr 1887-88 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3122061-3122082--1480-3123656- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 In dieser.Zeit, da der furchtbare Gedanke der Gleichmacherei im Glauben wie ein blutrother Komet Schrecken und Unheil verbreitete, bangte in dem neuen Vororte der katholischen Christenheit, in Wien, auch eine kleine, kaum durch die dürftigsten Bande des Gemeindelebens lose zusammengehaltene Schaar von Juden um ihre Existenz. Durch vereinzelte Akte kaiserlicher Gnade waren sie allgemach wieder in die Stadt gekommen, aus der sie Matthias als Erzherzog zu Österreich am 5. Februar 1600 hatte vertreiben lassen, ein Jeder mit einem Häuflein Zugehöriger, die sich wie Küchlein unter die Flügel der Henne in seinen Schutz begeben hatten. Der Kaiser mochte sie nicht entbehren, diese Alchymisten der Praxis, die ohne Stein der Weisen die Kunst verstanden, die alle Magier am Hofe vergeblich suchten, für Österreich Gold zu machen. Sie hatten ein pergamentenes Vaterland; sie standen auf dem Schein eines Scheines, der jeden Augenblick zurückgezogen werden konnte. Als Fremde, als Geduldete standen sie unter der Gerichtsbarkeit des Hofmarschallamts, eine ärgerliche und anstössige Ausnahme in den Augen der Stadtbehörden, deren Willkür sie dadurch entzogen waren. Der Zeitpunkt schien gekommen, dieser lästigen Einwanderer sich gründlich zu befreien. »Die von Wien« hatten seit mehr als zwei Jahrzehnten keine Judenaustreibung erlebt; es sollte nicht länger ihres Bleibens sein. Des Bechtes der Besitzfähigkeit entblösst, wie diese Privilegirten es waren, mussten sie bei den Bürgern von Wien zur Miethe wohnen oder, wie man damals sagte, Bestandzimmer aufnehmen. Durch Kündigung derselben waren sie aufs Einfachste vor die Thür gesetzt. Bürgermeister und Bath der Stadt Wien beschieden daher ihre Bürger vor sich, um ihnen den gemessenen Befehl zu ertheilen, nach Michaeli 1623 keinen Juden in ihren Häusern zu dulden 1). Beschwernisse und Denunciationen ג) Ich gedenke, in einem Urkundenhuche zur Geschichte der hier bespro- •chenen Ereignisse die Aktenstücke vorzulegen, auf denen meine Darstellung ruht. Doch sei bereits an dieser Stelle dem hohen k. k. Ministerium des Innern, dessen Archivalien, neben denen des Hofkammerarchivs und des Archives der Stadt Wien, unter den österreichischen Archiven hier hauptsächlich benutzt wurden, und seinem Archivdirektor, Herrn Dr. Th. Fiedler, wie Herrn Dionys Kohcith der schuldige Dank dargebracht. Im Wiener fürsterzbischöflichen Consistorial-Archiv sowie im Archiv der niederösterreichischen k. k. Statthalterei waren für den hier behandelten Zeitraum Urkunden nicht zu finden.