Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- 10. für das Schlujahr 1886-87 (1887)
- Date
- 1887-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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21 einen Tag,'wie ich ihn noch nicht gesehen. Das, was hier geschehen ist, das ist nicht blos für diese Stadt und nicht bloss für dieses Land geschehen, es ist eine That für das ganze Judenthum. Und weil die Bedeutung dieses Tages weit über die Grenzen dieses Landes hinausgeht, darf ich, der von Aussen Gekommene, mir gestatten, den Mitgliedern der erleuchteten Regierung, deren Unterstützung diese Anstalt ihr Dasein verdankt, den Vertretern politischer und gelehrter Gorporationen, Allen, welche diese Feier durch ihre Anwesenheit zu erheben nicht verschmähten, auch meinerseits meinen ehrfurchtsvollen Dank auszusprechen. Aber ich wage auch hinzuzufügen, dass diejenigen Männer, welche, ohne zu unserem Glaubensverbande zu gehören, durch ihre Gegenwart dieses Fest verschönern, uns nicht blos zu immerwährendem Danke verpflichtet, sondern auch sich selbst geehrt haben. Denn nur der Starke vermag gerecht zu sein. Nur wer sich seiner Kraftbewusst ist, scheut sich nicht, unverdiente Fesseln abzunehmen. Nur wer sein eigenes Recht fest und entschieden zu behaupten weiss, trägt kein Bedenken, Andersglaubenden, Andersdenkenden zu ihrem Rechte zu verhelfen. Schwach ist nur der Glaubens zwang, die Gewaltherrschaft, die Tyrannei. Sie ist sich ihrer Schwäche wohl bewusst. Der erste scharfe Luftzug fegt die fadenscheinigen Hüllen hinweg und gibt den morsehen Unterbau des gefürchtet sein wollenden Colosses dem Hohngeläcliter der Welt preis, reisst den trügerischen Firniss ab, welchen die Barbarei und die sittliche Verkommenheit unter der Signatur der Civilisation und der Humanität hinaustragen wollte. Nicht so in dieser schönen Stadt, in diesem mächtigen Lande. Eier athmet man die wiirzige Luft der Freiheit, des Rechts, der Gleichberechtigung mit vollen Zügen ein. Und ich kann meine Wünsche für dieses Land nicht besser ausdrücken, als mit den Worten des Propheten (Hosea 14, 7.) : »Weit mögen sich dehnen seine Sprossen, sein Glanz sei wie der des Oelbaumes, sein Duft wie der des Libanon.« Auch Ihnen, meine werthen Herren vom Präsidium der israelitischen Landes-Kanzlei, meine Herren vom leitenden Comite, überhaupt Allen, welche Zeit und Mühe dem Zustandekommen dieser Schule gewidmet haben, ohne dass ich Sie alle mit Namen zu nennen weiss, gebührt der Dank der ganzen Glaubensgemeinde. Sie haben ein grosses Werk vollbracht! Sie haben von Neuem gezeigt, dass das Judenthum keine Mumie ist, die man vor Jahrtausenden eingesargt, der man nothdürftig die Form des menschlichen Körpers erhalten, aus der aber das Leben für immer entflohen ist dass das Judenthum keines jener Alterthümer ist, die man aus längst verschütteten Städten zum Staunen der Gegenwart ausgräbt, die aber, wenn man sie an das Licht und an die Luft bringt, in Staub zerfallen. Sondern das Judenthum ist, sobald man ihm Licht und Luft gewährte, sich des in ihm pulsirenden Lebens bewusst geworden und mit Entschiedenheit und Kraft, mit Selbstgefühl und Erfolg in die Cultur der Gegenwart eingetreten, ohne eine der grossen Ideen aufzugeben, deren Verbreitung seit Jahrtausenden seine