Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- [9.] für das Schlujahr 1885-86 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- – (sequence 82)
- Language
- German
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74 Selbstsucht, Muthwillen oder aus welchem Beweggründe immer ein Hinderniss in den Weg legen, worüber sie in ihrem Denken, Fühlen, Wollen und Thun moralisch sinken könnten. Wir dürfen sie nicht durch falsche Lehren und falsche Rathschläge beirren, ihnen nicht das lockere, leichtfertige Leben anpreisen, sie verführen und ihnen Gelegenheit bieten, das Böse zu vollführen und so ihre ohnedies beschränkte Willensfreiheit ganz von uns abhängig machen. Alles dies sind Anstösse, die wir unseren Mitmenschen nicht in ihren Lebensweg legen dürfen; wir sind vielmehr verpflichtet, durch sanfte Belehrung, Vorführung warnender Beispiele, durch liebevolle Zurechtweisung und durch weisen Rath auf ihren Geist und Gemüth veredelnd zu wirken und sie der ethischen Freiheit wieder zuzuführen. Hieher gehört endlich der Gedanken- und Gesinnungs-Diebstahl (46 (גניבת דעת) (reservatio mentalis), die Schmeichelei und Heuchelei (חנופה); all dies ist in gleicher Weise vom jüdischen Religionsgesetz streng verboten. XII. Abschnitt. 1. Der Mensch bedarf zur Erhaltung des Lebens der Nahrung; er bedarf der Kleidung, der Wohnung und hat mannigfache Bedürfnisse, die befriedigt werden müssen. Die Natur bietet ihm wohl die Stoffe, doch müssen diese ihr durch ausdauernde Thätigkeit abgewonnen werden. Der Boden muss bearbeitet, der Samen ausgestreuet und die Saat gepflegt werden, wenn man Ernte halten will. Der von der Natur gelieferte Stoff bedarf der verschiedenartigsten Umgestaltung und Zubereitung, um geniessbar zu werden und als Nahrung dienen zn können. Mannigfachen Formveränderungen muss der rohe Stoff unterzogen werden, bevor man ihn zur Bekleidung verwenden kann. Nicht von selbst fügt sich Stein an Stein, schliesst sich Balken an Balken, mit grosser Kraft-Anstrengung müssen die einzelnen Bestandteile umgestaltet, zusammengetragen und mit kunstreichem Sinne und kräftiger Hand so mit einander verbunden werden, dass sie zur Wohnstätte für den Menschen werden. Zu all diesem sind Werkzeuge nöthig, die gleichfalls durch Menschenhände verfertigt 46) T. Cliulin 94a.