Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- [7.] für das Schlujahr 1883-84 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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9 und Zeiten heraus, die sich als Erbstücke von allgemeinster Verbreitung erweisen. Nur die vergleichende Forschung weist dem Auffälligen und Besonderen seine Stelle an und fügt lose Glieder zu einer Kette von festem Zusammenhang. Wir vermeiden hierdurch aber nicht nur falsche Charakteristik, sondern auch unwissenschaftliche Voreiligkeiten anderer Art. Es kann sogar scheinbar entschieden Bezeichnendes zwei Autoren gemeinsam sein, ohne dass wir auf deren Abhängigkeit von einander schliessen dürfen; ihre gemeinschaftliche Quelle kann sich an drittem Orte uns offenbaren, weit abliegend, in einem fremden Sehriftthum. Und wenn nach Boekh’s Ausdrucke das Erkennen des einst bereits Erkannten Philologie ist, dann wird das Eindringen in die wissenschaftlichen Vorstellungen des Mittelalters vollends eine dringende philologische Aufgabe für das Verständniss der jüdischen Litteratur. In das Unverständliche kommt Sinn, Leben in dasAbgestorbene, wenn wir uns in die Anschauungen der Autoren hineindenken und so erst begreifen, was sie sagen wollen. Verständniss aber ist die Grundlage des Urtheils, die Gewähr billiger Schätzung. Eine Litteratur ist ein Organismus; wer sie erforschen will, ohne in die Vorstellungen einzugehen, die sie belebten, zergliedert eine Leiche, aus welcher der Geist entflohen ist. Einen Zipfel dieser Aufgabe will ich hier zu heben wagen, indem ich darangehe, die Vorstellungen aufzusuchen, die in Betreff der Sinne bei den Juden im Mittelalter herrschend gewesen. Dem Grenzgebiete zwischen Naturforschung und Philosophie angehörig, heischte und fand dieser Gegenstand schon vom Hause aus in zwei so viel angebauten Fachwissenschaften eingehende Behandlung. Je weniger übrigens das Mittelalter mit erkenntnisstheoretischen Fragen Noth hatte, desto fröhlicher hantirte man mit dem Werkzeuge der Erkenntniss und that auf dem dunkelsten aller Gebiete so heimisch und sicher, als gäbe es keine geographisch bekanntere Gegend als die menschliche Seele. Wie ein junges und neues Besitzthum, dessen man sich nicht sattfreuen kann, sehen wir hier die Begriffe von dem Menschengeist und seinen Hülfsorganen bei je,der Gelegenheit wiederholen und gleich einem Schaugepränge ausstellen. Von Zahlen festumrändert, wie sie dem Mittelalter erschienen, ziehen hier äussere und innere Sinne mit einer fast mythologischen Bestimmtheit durch die