Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- [7.] für das Schlujahr 1883-84 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3122061-3122068--0841-3123013- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 Gängelbande, ein Sehen aus fremden Augen. Wenn wir die Ent- Wickelung der geistigen Arbeit unter die Formel bringen können, dass wir immer neugieriger werden, so war wohl auch das Mittelalter nicht ohne Neugierde, aber es war die Neugier des Kindes, das sich mit jeder Antwort zufrieden giebt, um rasch zu einer neuen Frage überzugehen. Gleichwohl kann die Geschichte der Wissenschaften auf eine ins Einzelne dringende Erforschung des Mittelalters nicht verziehten. Ob es auch hier weniger von einschneidenden Momenten, von grundstürzenden Umwälzungen, von glänzenden Erfindungen und Entdeckungen zu berichten giebt, so finden wir doch auch hier wie in allem Menschlichen eine Entwickelung, auch in diesem Leben und Werden eine Geschichte, die nicht minder wichtig und dankenswerth sein wird, weil das Erlauschen hier schwieriger, die Beobachtung ermüdender ist. Je mehr uns gerade der Aufschwung der Wissenschaften in der Neuzeit durch seine Sprungartigkeit überrascht, je mehr es den Anschein gewinnt, dass der Geist der Menschheit in so langen Jahrhunderten gefeiert, der Acker der Forschung brach gelegen habe, desto mächtiger wird der Anreiz, desto gebieterischer das Verlangen, auf allen Gebieten den Vor- Stellungen nachzugehen, welche so lange das geistige Bedürfniss der Denkenden befriedigen halfen, und sorgsam den Weg zu erforsehen, den die einzelnen Wissenschaften bis zu ihrer jetzigen Hohe genommen haben. Die Entwickelungsgeschichte unserer Begriffe und Vorstellungen über die Welt, die wir sehen, wie über die Welt, die wir ahnen, ist wenn nicht die wahre Geschichte, so doch das edelste Gapitel in der Geschichte der Menschheit. Eine der reichsten, wenn auch bisher am Meisten vernachlässigten Quellen dieser Geschichte bildet die jüdische Litteratur des Mittelalters. Die machtvolle Ausbreitung der Wissenschaften besonders inmitten der uiiter den Arabern lebenden Juden ist eulturgeschichtlich noch nicht hinreichend gewürdigt worden. Was dem lebendigen Griechenthume nie völlig glücken wollte, in die Zelte Juda’s einzuziehen, das sollte seinem abgeschiedenen Geiste gelingen, wie er in seinem Sehriftthum auf Erden wandelte. Nicht unbewusst und in naiver Freudigkeit, sondern unter dem stets wachen Bewusstsein, dass hier ein Fremdartiges und eigentlich vom Hause aus Verpöntes eindringe, vollzog sich diese