Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- Individuum und Ethos
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 177 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. R. Seligmann, . Individuum und Ethos 177 Hier liegt ein Mißverständnis vor, das den nachdenklichen Leser aus dem Konzept bringen muß: Entweder wird hier das Uebergewicht in bildlichem Sinne verstanden als ein rein geistiges Vermögen, -das mit Materiellem nichts zu schaffen hat, und dann führen die Erklärungen des Verfassers zu nichts, oder das Uebergcwicht wird in buchstäblichem Sinne verstanden, und dann ist es wiederum klar, daß der Organismus bei dieser Sachlage nicht nur keine Zeit gewinnen kann, sondern umgekehrt, daß er in überstürzter Hast und katastrophaüsch seine Bewegungen aus^ sich entfalten muß, wie die Dämpfe eines überfüllten Kessels, die den Decket in die Luft schleudern. Aber gesetzt, daß es dem Organismus wirklich gelingt, seine Reaktionen bis zu einem bestimmten Momente aufzuschieben, wie wird nach alledem der Umstand erklärt, daß dieser Organismus nach abgelaufener Frist seine Reaktionen im Sinne seiner eigenen Bedürfnisse ausführt? Zu anderen Ergebnissen konnte eine rein naturwissenschaftliche Betrachtungsweise unmöglich gelangen. Naturwissenschaftliche Beobachtungen können noch so scharf und gewissenhaft, naturwissenschaftliche Methoden noch so fein und sinnreich sein, sie werden doch unmöglich das finden können, was in ihrer Richtung gar nicht liegt und ihrem Zwecke gar nicht augepaßt ist. Wie wollte denn die Freiheit meines Willens, die ihrem Wesen nach ein rein persönliches Ereignis darstellt, einen innerlichen Bewegungsakt, wie mein Gefühl der Freude und des Kummers, auf äußerliche Weise je demonstriert und beschrieben werden können? Denken wir uns einen Apparat von so wunderbarem innerem Bau, daß -er, in Verbindung mit meinem Leibe gebracht, die leisesten Bewegungen innerhalb des letzteren auf die genaueste Weise von der Welt in sich abzuspiegeln vermag, während meine Seele ein Gefühl der Freude oder des Kummers erlebt. Und nun? Würde er mein Erlebnis der Freude und des Kummers wiederzugeben je imstande sein, und würde ein Mensch, der in das Innere des Apparates hineinschaut, dieses Erlebnis je zu Gesicht bekommen? Die Freiheit, ein Uebergcwicht, ein Produkt von Bewegungsverdichtung — erinnert das nicht an die naiven Versuche eines Menschen, einem Blindgebornen die Farbe Dunkelblau beizubringen, indem er ihm erklärt, die Farbe Dunkelblau fühle sich an wie Samt, töne wie eine \veiche Baßstimme und schmecke wie dicke Sahne?*) Um *) Das Uebersprlngen der einen Empfindung auf das Sinnesgebiet der anderen Ist zwar eine psychologisch wohl bewährte Tatsache; man nennt solchermaßen entstandene Empfindungen — sekundäre. Allein das Uebersprlngen der Empfindungen von dem einen Sinnesgebiete auf das andere setzt bereits die Kenntnis beider In Betracht kommenden Gebiete Voraus..