Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- Individuum und Ethos
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 176 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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176 Dr. R, Seligmann, Individuum und Ethos Sich-Gestelltheit des Persönlichen — und folglich des Bewußten — nicht anerkannt, solange sie nicht aus dem Naturganzen' herausgestrichen, sondern, umgekehrt, in letzteres eingebettet wird; Was hilft es, wenn Bergson die absolute Beweglichkeit und das absolute Fließen als die wesentlichen Züge des Geistigen bezeichnet, wenn wir ,in dem letzteren dieses Moment des Für- Sich-Seins und der;Auf-Sicli-Gestel)theit vermissen, das jeder von uns in seiner Seele als unveräußerliches Besitztum trägt? Ist uns das Gerstige nur deshalb weniger fremd, weit es diese wunderbare Flinkheit besitzt, und fühlen wir uns dem Materiellen nur deshalb weniger verwandt, weil es so trag und schwerfällig ist? Soll es uns vielmehr nicht ganz gleich siein, ob das uns Wesensfremde von absoluter Beweglichkeit oder absoluter Trägheit ist? In seinem grundlegenden Werke: „Materie und Gedächtnis" glaubt Bergson die Freiheit der Person auf rein naturwissenschaftlichem Wege deduzieren vzu können. Von der stillschweigenden Voraussetzung geleitet,,daß das menschliche Individuum in seinen selbstgewollten Handlungen frei ist, nimmt er sich jedoch fest vor, dieses Individuum als Objekt unter Objekten, Sache unter Sachen zu betrachten, die Bezieliungen, die zwischen diesem menschlichen Objekte und den Dingen seiner Umgebung bestehen, objektiv zu (Untersuchen, um durch diese rein naturwissenschaftliche Methode seine Voraussetzung endlich bestätigt zu sehen. Der menschliche Organismus ist ihm nichts weiter, als ein Bewegungsapparat von besonderer Beschaffenheit, dazu bestimmt, materielle Bewegungen von außen her in sich aufzunehmen, sie an innere Zentren zu verteilen und von dort aus wieder nach auswärts abzugeben. Er glaubt also, daß Aeußeres zu Innerem führen könne, und merkt nicht dabei den schreienden Widerspruch zwischen dieser von ihm angewendeten Methode und seiner mit soviel Emphase verkündeten Lehre, daß Inneres und Intuitives sich ausschließlich auf dem Wege der Intuition erreichen ließe. Und was findet er? Folgendes: der menschliche Organismus besitze infolge einer ihm Innewohnenden konzentrierenden Kraft die wunderbare Fähigkeit; ungeheure Mengen durch seine Organe aufgenommener materieller Bewegungen zusammenzuziehen und zu verdichten, so daß dadurch der menschliche Organismus gegenüber den äußeren materiellen Bewegungen ein Uebergewicht erhalte, und dieses Uebergewicht sichere ihm die Freiheit, denn dieses Uebergewicht gebe ihm die Möglichkeit, Zeit zu gewinnen und seine Reaktion bis zu einem bestimmten Momente aufzuschieben,, was ganz und gar nicht der Fall mit einem rein materiellen Objekte sei, das auf den erhaltenen Stoß sofort auch reagieren müsse.