Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- Individuum und Ethos
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 178 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3119801-3119814-3119817-3121928--1637-3122027- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
178 Dr. R. Seligmann, Individuum und Ethos so verwunderlicher ist es, daß derartige Versuche von einem Denker ausgehen, der die Lehre von den zwei Arien der Erkenntnis verficht, der verstandesmäßigen und diskursiven Erkennt-, nis von Beziehungen zwischen Dingen, und der nacherlebenden intuitiven Erkenntnis von dem inneren Wesen der Dinge selber. Alle diese Bedenken fielen jedoch weg, wenn man sagen konnte, dieses Uebergewicht sei bloß als der physische Ausdruck eines geistigen Zustandes gedacht, d. h., daß wenn ich ein Bewußtsein von meiner Freiheit habe, sich dieses Bewußtsein auf der physischen Seite in einem gewissen Uebergewicht äußern. Man könnte sagen, die freie Handlung brauche nicht notwendig mit dem Erlebnis der Freiheit zusammenzufallen, sondern die Freiheit der Handlung könne in der Tat aus einem solchen Ucbergewichte stammen, während mein Erlebnis der Freiheit sich auf einem ganz anderen Gebiete bewege. Das ist aber bei Bergson keineswegs der Fall. Ihm ist das Erlebnis der Freiheit — die Möglichkeit — zugleich ein aktuelles Moment und schaffendes Prinzip, und daher auch mit dem Ucbergewichte identisch. Und so ist es auch mit seiner übrigens sehr geistvollen Theorie der Wahrnehmung, die, kann man sagen, die Grundlage seines philosophischen Systems bildet. In der Wahrnehmung sieht Bergson mit allen ausgesprochenen und typischen Materialisten, mit dem Griechen Demokritos und dem Engländer Hobbcs, eine auf die äußeren materiellen Bewegungen gerichtete Gegenbewegung der aufnehmenden Nerven. Damit glaubt er den Zustand des Wa hm eh mens erschöpfend charakterisiert zu haben. Mag sein, daß dem Wahrnehmungsprozeß auf der physischen Seite eine solche innere Gegenbewegung zugrunde liegt. Damit aber ist lange noch nicht alles gesagt. Der Zustand meines Wahruehmens ist vor allem ein unwillkürliches Zurückführen aller äußeren von mir unabhängigen Erscheinungen auf den jeweiligen Standort meines eigenen Leibes. Die Welt befindet sich für mich immer da, wo ich sie tasten, hören und sehen kana. Darin manifestieren sich die zentralisierenden Tendenzen meines Ichs, Und hier ist auch der Wurzelpunkt der Persönlichkeit — und des Ethos — zu suchen, Weil Bergson in rein materialistischer Weise diesen Wurzelpunkt veräußerlicht, so ist er auch nicht in der Lage, den Begriff für das Persönliche — und für das Ethos — zu schaffen. ik