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Die Freistatt · 1914-06-30 · Heft 3 (30.6.1914) · p. 175

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 3 (30.6.1914)
Article
Individuum und Ethos
Date
1914-06-30
Page
175 (sequence 8)
Language
German
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Dr. R. Scligmann, Individuum und Ethos_175 ken eilunantastbares Für-Sich-Seiendes von absoluter Einzigkeit und Ausschließlichkeit bildet. In dieser Einzigkeit und Ausschließlichkeit steckt das Moment des Individuellen, das die notwendige Voraussetzung alles Bewußten — und alles Ethos — ausmacht Das Moment des Individuellen fehlt bei Bergson ganz und gar. Trotzdem Bergson mit aller Entschiedenheit gegen die alles nivellierenden Tendenzen der abstrakten wissenschaftlichen Methode auftritt, bleibt er doch in bezug auf das Individuelle ganz in denselben naturwissenschaftlichen Vorurteilen befangen. Die. Naturwissenschaft will niemals zugeben, daß dieses Gefühl der Ausschließlichkeit und Absolutheit, von dem das ganze Leben des Individuums getragen wird, mindestens eine Tatsache, wie jede andere ist, und daß mit dieser Tatsache doch irgendwie gerechnet werden muß. Die Naturwissenschaft, meint Bergson ungefähr, hat die unausrottbare Neigung, alle Phänomene in der Natur, die körperlichen und materiellen, sowie die seelischen und geistigen, in einer einzigen Ebene nebeneinander zu ordnen, in der Gestalt von indifferenten räumlichen Punkten, von denen jeder einzige dem anderen aufs Haar gleicht Bergson selber aber macht es durchaus nicht besser, sobald das einzelne Individuum in Frage kommt, denn dieses Individuum ist ihm bloß ein indifferenter Durchgangspunkt für den ursprünglichen Lebensstrom, den er auch den ursprünglichen Lebensimpuls nennt und mit Zeit und Bewußtsein identifiziert In seiner Eigenschaft als Durchgangspunkt ist aber jedes Individuum dem anderen identisch, und betrachtet man die Gesamtheit der Individuen im Laufe der Generationen, so .erhält man den Eindruck von einzelnen, in einer einzigen Linie aneinandergereihten räumlichen Punkten. Freilich darf man sich die Zeit beileibe nicht in der Gestalt einer räumlichen Linie denken, die Zeit nach Bergson ist Prozeß, und ^war ein in sich vollständig einheitlicher Prozeß, denn die Zeit ist ihrem inneren Wesen nach nichts anderes, als dieser ursprüngliche Lebensimpuls selber, und insofern könnte unser Ausdruck von dem Laufe der Generationen zu irrtümlichen Vorstellungen Anlaß geben. Aber Bergson sieht nicht, daß die Vielheit dieser einander, gleichen Durchgangspunkte den einheitlichen Prozeß sprengt und ihn zu einer räumlichen Mannigfaltigkeit macht. Wir wollen uns indessen darauf nicht sonderlich versteifen, denn in unserer Absicht liegt es ganz und gar nicht, die Bergsonsche Philosophie als solche in diesem Zusammenhange einer Kritik zu unterwerfen. Wir wollten bloß zeigen, daß tlas Ethos bei Bergson nicht zu seinem Recht kommt, und dem Gedanken Ausdruck geben, daß das Ethos nie zu seinem Rechte kommen kann, solange das Für-Sich-Sein und die Auf-

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