Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- Individuum und Ethos
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 174 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1 74 Dr. R. Seligmann, Individuum und Ethos Mas er eigentlich damit meint. Wenn der ethische Imperativ Tatsache unter anderen sein soll, so gilt für ihn auch nur die Logik der Tatsachen, und diese kennen wir aus der Mechanik in der Lehre von der Statik und Dynamik, die die allgemeinen Bedingungen untersucht, unter welchen Kräfte einander zu verdrängen oder in Oleichgewicht zu halten vermögen. Der ganze Darwinismus im weiten und umfassenden Sinne des Wortes ist nichts anderes als der Versuch, rein geistige Manifestationen von Individuen und Gesellschaften unter einen stattsch-dvna- * mischen Gesichtspunkt zu bringend Tatsachen aber kennen keinen! anderen Imperativ, als den der Macht, und für besondere ethische1 Imperative und Beurteilungen gibt es hier keinen Platz. Sobald ich von vorneherein weiß, daß meine ethische Forderung nur so weit peltung besitzen darf, als die empirische Macht der Verwirklichung reicht, wird sie im Momente ihres Entstehens erlöschen, ja sie wird überhaupt in meinem Bewußtsein gar nicht aufkommen können. Aehnliche Qedankeu mochten Paskai vorgeschwebt haben, als er von dem menschlichen Wesen als von einem denkenden Rohre sprach, das, unter erdrückenden Naturgewalten zusammen* brechend, doch dabei diesen Vorzug vor der Natur besitzen soll, daß es ein Bewußtsein von seinem Erdrücktwerden behält, während die Natur von ihrer erdrückenden Macht keines hat. Ob dieser Umstand für das Rohr einen Vorzug bedeutet oder nicht, mag; einstweilen dahingestellt sein, jedenfalls aber ist es klar, daß Paskai hier unter „Wissen" das Moment des Persönlichen versteht, und daß er dieses Moment dem des Natürlichen in absoluter Weise entgegensetzt. Während die Materie des Rohres den erdrückenden Naturgewalten nachgibt, bleibt sein Denken auf sich selbst beruhen, ohne im geringsten nachgeben zu müssen, oder richtiger gesagt, was hier an dem Rohre erdrückt wird und zusammenbricht — das ist bloß das Materielle, aber keineswegs das Denkende au ihm, das von Natur aus überhaupt nicht fähig ist, von irgend etwas erdrückt zu werden. Freilich, wenn das Rohr gänzlich zusammengebrochen sein wird, wird auch allem Anscheine nach sein Denken ausfallen, aber dann kann doch nicht die Redte von einem reagieren* den Rohre sein, sondern bloß von zerstreuten Stücken desselben,, die ganz und gar nicht die Beschaffenheit des Rohres in seiner Ganzheit besitzen. Solange aber das Rohr in seiner reagierenden Rohrhaftigkeit sich unter den erdrückenden Naturgewalten beugen und krümmen mag, solange kann sein Denken in sich geschlossen, selbstgenügsam und sozusagen naturdicht ilastehen, und das besagt, daß, während die Materie des Rohres in den allgemeinen Naturprozeß hineingezogen -wird» sein Den-