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Die Freistatt · 1914-06-30 · Heft 3 (30.6.1914) · p. 172

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 3 (30.6.1914)
Article
Individuum und Ethos
Date
1914-06-30
Page
172 (sequence 5)
Language
German
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172 Dr. R. Seligmann, Individuum und Ethos oder jener Bewegungsakt könnte auch nicht sein, latenterweise einen Widerspruch in steh enthalte, da hier unwillkürlich der Versuch gemacht wird, das bereits Geschehene ungeschehen, das bereits Gewesene tingewesen zu denken. Dieser Satz bleibt nach wie vor zu Recht bestehen. Nun hat aber der Gedanke von dem Nicht-Gewescn-Scin-Können einen ganz anderen Sinn und eine ganz andere Bedeutung, den Sinn und die Bedeutung nämlich, daß ich das bereits Gewollte ungewollt zu haben wollen kann. Man sondere hier säuberlich Wollen von Vorstellen und hüte sich wor der Uebertragung des Einen auf das Andere. Das Vorstellen bezieht 'sich immer auf irgendein Sein, irgendein Geschehen, und ,wenn es ein Mögliches zu seinem Gegenstande hat, verwandelt es letzteres flugs in ein Wirkliches. Daher ist es ein Widerspruch, auch ein. bloß Gewolltes sich als es ungewollt zu haben vorstellen, es ist aber keiner, ein bereits Gewolltes ungewollt haben zu wollen. Da Mögliches in fataler Weise an Wirkliches gebunden ist, so ist es nur sehr natürlich, dali man unaufhörlich und unbewußterweise die eine Kathegorie mit der anderen verwechselt. Die Gesetze des wirklichen Geschehens üben auf das Mögliche keine {Gewalt aus. Das Gebiet des wirklichen Geschehens wird von der Statik beherrscht, und das will sagen, daß wenn eine Bewegung auf dem Gebiete des Wirklichen in ihrem Verauf eine entgegengesetzte von gleicher Intensität stößt, sie eine gewisse Hemmung in ihren Aeußerungen erfährt. Die Bewegung auf dem Gebiete des Möglichen, die WiHensbewegung, iwird in ihrem Verlaufe von keiner physischen Macht aufgehalten: (mein Körper kann stille stehen, mein Wille hört trotzdem nicht sauf zu wollen. Eine Bewegung auf dem Gebiete des wirklichen Geschehens kann niemals über gewisse von anderen iphysischen Mächten ihr gezogene Grenzen hinausgehen; eine Bewegung auf dem Gebiete des 'Möglichen, eine Willensbcwegting, kennt keine Grenzen, denn ich l(ann auch das Unmögliche twoileu. Der Umstand, daß die Bewegung im Möglichen, die Willensbewcgung, 'empirisch an das wirkliche Geschehen gebunden ist, darf mich daran nicht hindern, die Wesensverschiedenheit dieser beiden Seinsarten einzusehen. Wir meinen durchaus nicht, daß wir mit dieser unserer dualistischen Konzeption .das Wesentliche der Bergsonschen Metaphysik getroffen haben. Jedenfalls ist die Identifizierung des Möglichen mit dem Zeitlichen bei Bergson ein Umstand, der zu gewichtigen Bedenken unsererseits Anlaß gibt. Es lag uns aber weniger daran, den Grundgedanken der Bergsonschen Metaphysik getreu wiederzugeben, als vielmehr in einer allgemeinen Weise die Bahn zu zeichnen, in der sich das Bergsonsche Denken

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