Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- Individuum und Ethos
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 171 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. R. Seligmann, Individuuni und Ethos 171 wärts schauend, »uns sagen müssen, der Entschluß konnte schon von Anfang an nicht diese Freiheit besitzen, sobald er sich als etwas Notwendiges herausstellt. Wir gingen dabei von der stillschweigenden Voraussetzung aus, daß der Entschluß restlos in den Bewegungsakt übergegangen ist. Wie aber, wenn es nicht der Fall ist? Wie, wenn besagter Entschluß nicht ganz in die ausgeführte Bewegung übergeht, sondern etwas davon zurückbleibt, das noch im Freien schwebt? Ein einfaches, alltägliches Beispiel soll unseren Gedankengang erläutern: Ich erwarte ein verabredetes Zeichen, mit dessen Eintreten ich den Knopf einer Klingel zu drücken habe. Die bevorstehende auszuführende Bewegung1 bereitet sich in meinem Innern vor, meinoi Muskeln befinden sich in Spannung, aber bei alledem fehlt noch die Hauptsache, nämlich die kleine Handbewegung, die das ganze Vorhaben verwirklichen soll. Während also meiner physischen Muskelkraft die kleine Druckbewegung fehlt, hat mein Entschluß den ganzen Vorgang bereits komplett in sich. Denn es muß jedermann einleuchten, daß wenn ich das gewünschte Ziel, in unserem Falle jjas Drücken der Klingel, nicht fertig im Geiste hätte, ich nicht die nötige Energie aufbringen könnte, die Druckbewegung vorzubereiten. Hätte ich nicht das gewünschte Ziel parat in meinem Oeiste, so hätte ich überhaupt nicht gewollt, und hätte ich nicht gewollt, so könnte nicht die Redej von einer bevorstehenden auszuführenden Bewegung sein. Wäh-' reud also das gewünschte Ziel, das Drücken der Klingel, für meine physische Muskelkraft draußen liegt, steckt dieses Ziel in meinem geistigen Entschlüsse mitten drin. Das Ziel ist ein integrierender Teil meines Entschlusses. Wenn aber diesermaßenj mein Entschluß in dem Momente A der Vorbereitung der Handlung etwas mehr ist, als der entsprechende physische Zustand A, so bin ich zu der Annahme berechtigt, daß dieser Entschluß in dem Momente B der Ausführung der Handlung etwas mehr sein wird, als der entsprechende physische Zustand B, d. h., daß die geistige Bewegung meines Entschlusses mit der physischen des Klingeldrückens nicht ganz erlöschen, sondern daß etwas davon zurückbleiben wird. Was bleibt zurück? Die Vorstellung, daß die ausgeführte Bewegung auch nicht sein konnte» ein Zustand, der meiner Physis vollständig fremd ist. Es gibt also unseres Erachtens zwei Arten des Seins, die, trotz ihrer engen Gebundenheit aneinander, ihrem Wesen nach voneinander grundverschieden sind, ein Sein des wirklichen Geschehens, das mit dem Charakter der Notwendigkeit behaftet ist,' da es nicht wieder ungeschehen gemacht zu werden vermag, und ein Sein des möglichen Geschehens, das wohl eine Umkehrung zuläßt. Wir sagten vorhin, daß der Gedanke, dieser