Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- Individuum und Ethos
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 170 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Dr. R. Seligmann, Individuum und Ethos der an sich zwar existiert, der aber auf etwas anderes hinweist, was in der Wirklichkeit nicht existiert. Und dann gibt es neben dieser Tatsache eine ganze Menge ariderer, die der erstereu stracks zuwidertaufen, und hierin besteht eben das Problem. Wir meinen nun, daß dieses Problem der Willensfreiheit nicht notwendig mit der Ursächlichkeit in Zusammenhang gebracht zu werden braucht, daßj;es mit jeder einfachen Bewegung auch dann entsteht, wenn ihre eventuellen Bedingungen ganz mi'l gar nicht in Betracht gezogen werden. Und zwar besteht das Problem im Folgenden: Ich habe aus vollkommen freiem Entschlüsse irgendeinen Bewegungsakt vollzogen in der vollständig deutlichen Ueberzeugung, daß ,es von meinem Gutdünken! abhing, ihn zu vollziehen oder nicht. Nun aber ist die Bewegung geschehen, und keine Macht auf Erden ist nunmehr imstande, sie röckgängig zu machen. Wie ich mich auch TÜrehen1 und wenden :so!l — ich' werde das einmal Geschehene nicht wieder ungeschehen machen. Muß ich denn nicht zu der Schlußfolgerung' gelangen, daß es notwendig geschehen mußte, sobald es einmal geschah? Und nun möchten wir den Leser bitten, ein klein wenig darüber nachzudenken, welche Vorstellung er damit verbindet, wenn er die Behauptung aufstellt, dieser oder jener vollzogene Bewegungsakt könnte auch nicht geschehen. Beseitigt er nicht dabei in Gedanken den geschehenen Bewegungsakt und sucht er ihn nicht bis zu dem Punkte zurückzuführen, wo er noch nicht da war, d. h., vollzieht er nicht gedanklich" den Versuch, das Geschehene ungeschehen zu machen? Dieser Versuch aber ist unvollziehbar, denn das Geschehene als ungeschehen zu denken, hieiße zu gleicher Zeit, sich das Seiende in einem Atem als Nicht-Seiendes vorzustellen. Wir reichen hiermit an die tiefsten Wurzeln der metaphysischen Forschung, an den uralten Gedanken des Parmetüdes von der Ewigkeit und Notwendigkeit des Seins, an den Gedanken, daß es in der Natur kein Verschwinden ,und kein Entstehen, folglich auch keine Veränderlichkeit gebe, da ja jedes Anderssein im Momente seines Anderswerdens ein neues Entstehen bedeutet Es ist hier nicht der Ort, diesen Gedanken auf seine Gültigkeit zu prüfen, so viel aber ist sicher, daß jc(der ernste Versuch, eine radikale Lösung des Freiheitsproblems anzubahnen, damit anfangen muß, den Begriff des Seins einer eingehenden Prüfung zu unterwerfen, und das ist es, womit sich Bergson unseres Erachtens hauptsächlich beschäftigt. Wir haben gesehen, worin für uns das Problem der Willensfreiheit besteht: Ein anscheinend vollkommen freier Entschluß setzt sich in einen Bewegungsakt um, und durch diese Umsetzung wird der Entschluß dermaßen gebunden, daß wir, rück-