Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- Individuum und Ethos
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 169 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Seligmann, Individuum und Ethos 169 verstände, so ufürda ich ein ausgezeichneter Sänger sein! Allerdings. Aber du hast keine Stimme und bist kein Sanger. Wenn der fallende Stein Bewußtsein von seinem Fallen gehabt hätte, so hätte er allerdings meinen können, er falle ganz von selbst, aber dann wäre er kein Stein mehr, sondern ein mit der Fähigkeit zur Selbstbewegung ausgestattetes Lebewesen mit allen Problemen, die das an die Materie gebundene Leben erzeugt, von denen das der Freiheit das bqi weitem bedeutungsvollste ist In der Tat aber ist es sonnenklar, daß die Kenntnis von den äußeren oder inneren Ursachen meiner Handlungen das Bewußtsein der Freiheit keineswegs aufzuheben vermag, daß ich ganz: genau wissen kann, aus welchem Grunde und zu welchem Zwecke ich diese oder jene Bewegung ausführen oder unterdrücken muß, ohne deswegen die vollständig klare Uefcerzeugung einzubüßen, daß es ganz von meinem Belieben abhängt, sie wirklich auszuführen oder auch zu unterlassen. Man erkläre diese Tatsache, wie man will, aber man sage uns nicht, daß das Bewußtsein der Freiheit aus der Unkenntnis der äußeren oder inneren Ursachen meiner Handlungen stamme. Anderseits wiederum ist es ebenso klar, daß ein handelndes Individuum nicht die leiseste Ahnung von den Ursachen seiner Handlungen haben, daß es sich ganz im Unklaren darüber befinden kann, aus welchem Grunde und zu welchem Zwecke es diesen oder jenen Bewegungsakt vollzieht und trotzdem nicht nur kein Bewußtsein der Freiheit besitzt, sondern ganz im Gegenteil von dem Gefühle der Notwendigkeit und des Zwanges beherrcht wird. Das ist der Falt mit allen denen, die unter dem Einflüsse einer Hypnose stehen. Kurz — Freiheit und Unfreiheit haben mit Unkenntnis und Kenntnis nichts zu schaffen. Was nun die Anerkennung der Willensfreiheit, den sogenannten Indeterminismus, betrifft, so müssen wir zunächst von alt jenen inkonsequenten Indetcrministcn absehen, die die Freiheit des Individuums ins Gebiet des Transzendenten verweisen und in der Welt dfer empirischen Erscheinungen einem unbedingten Determinismus huldigen. Diejenigen aber, die den Indeterminismus konsequent durchzuführen bestrebt sind, machen es sich für gewöhnlich zu leicht — bis auf einen einzigen, den wir in diesem Zusammenhange behandeln wollen ~, und zwar machen sie es sich zu leicht, indem sie sich lediglich auf das e m p i ri s c h c Bewußtsein der Freiheit versteifen, auf die Tatsache also, daß \^ir uns bei gewissen Bewegungsakten vollkommen frei und unabhängig fühlen. Nim ist erstens jede Illusion und jede trügerische Vorstellung ebenfalls eine Tatsache, insofern nämlich diese Illusion und diese trügerische Vorstellung in meiner Psyche ein bestimmtes Dasein führen, und trotzdem bleiben sie ein Irrtum» d* h* ein Gedanke,