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Die Freistatt · 1914-06-30 · Heft 3 (30.6.1914) · p. 168

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 3 (30.6.1914)
Article
Individuum und Ethos
Date
1914-06-30
Page
168 (sequence 1)
Language
German
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1 GS_ Dr. R. Seligrnanu, Individuum und Ethos Individuum und Ethos Eine kurze Betrachtung über Bergson Von Dr. R. Seligmann Wir werden gewiß nicht irre gehen, wenn wir das Problem der Willensfreiheit als das zentrale aller philosophischen Forschung bezeichnen, denn hierin ist uns der Punkt gegeben, von wo aus Reflexionen rein abstrakter Natur direkten Einfluß auf unsere! Stellungnahme den Fragen des praktischen Lebens gegenüber 7.u gewinnen vermögen. Man faßt aber das Problem nicht am richtigen Ende an und geht dabei achtlos an seinem Schwerpunkt vorüber, wenn man es ausschließlich unter dem Gesichtswinkel der Ursächlichkeit betrachtet, \\*ie es gemeiniglich geschieht, und wie es viele -bedeutende Denker von jeher getan und bis auf den; heutigen Tag tun. Gewöhnlich wird das Problem der Freiheit etwa folgendermaßen formuliert: Ich fühle mich frei und unabhängig in meinen spontanen Entschlüssen, d. h. ich habe ein klares und deutliches Bewußtsein davon, daß ich diese oder jene* von mir gewollte Bewegung nach freiem Belieben auszuführen oder aucli zu unterlassen vermag, ohne von irgendeiner äußeren' oder inneren Ursache dazu getrieben zu werden. Bei einiger Ueberlegung erweist es sich jedoch, daß die bereits ausgeführte1 oder unterdruckte Bewegung an irgendeine äußere oder innere, Ursache trotzdem gebunden war, welche Ursache das Ausführen, in dem einen Fall und das Unterlassen in dem anderen mit Notwendigkeit nach sich zog. Die Leugner der Willensfreiheit, die sogenannten Deterministen, erklären nun dieses Bewußtsein; für eine gewisse naturgemäße Illusion, dadurch entstanden oder vielmehr unterstützt, daß das handelnde Subjekt von den verborgenen Ursachen seiner Handlungen in der Regel keine genügende' Kenntnis besitzt, und es leicht zu der Meinung verleitet wird, es handle unabhängig, aus sich selbst heraus. Den Typus für alle solche Erklärungsarten lieferte bereits Spinoza durch sein berühmtes Beispiel mit dem fallenden Stein, das, wie so vieles berühmt Gewordene, sich bei eingehender Prüfung als ein Nonsens herausstellt. Wenn der zu Boden sinkende Stein, so er-, klärt ungefähr Spinoza, ein klares Bewußtsein von seinem Fallen gehabt hätte, so könnte er wähnen, er falle ganz von selbst, wahrend in der Wirklichkeit sein Fallen durch die Schwerkraft verursacht wirjd. Dieses Beispiel erinnert in seiner ursprünglichen Naivität! an die Worte jenes singlustigen, aber leider unfähigen Enthusiasten, der einmal in einer seiner musikalischen Anwandlungen ausrief: Wenn ich nur eine starke und geschmeidige Stimme besäße und dabei geschmackvoll zu singen

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