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Die Freistatt · 1914-06-30 · Heft 3 (30.6.1914) · p. 157

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 3 (30.6.1914)
Article
Der Wahlrechtsraub in Galizien
Date
1914-06-30
Page
157 (sequence 7)
Language
German
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Berl Locker, Wahlrechtsraub 157 IV, Und ntm noch ein kurzer Ausblick, Wie werden sich die Verhältnisse in der Zukunft gestalten? Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich annehme, daß die Entwicklung, trotz der augenblicklichen Konstellation, nicht gegen uns ist. In der ruthenischen Nation wird gewiß in nicht allzu ferner Zeit das gesunde nationale Lebensinteresse siegen, Die Ruthctien werden sich entschließen müssen, die Juden als dritte Nation gelten jtti lassen und deren Bundesgenossenschaft zu schätzen, wenn sie nicht die Zukunft Ostgaliziens den Polen ausliefern wollen, D(abei ist zu beachten, daß die Verdrängungstendenzen gegen die Juden keineswegs Gemeingut aller Schichten des ruthenischen Volkes sind. Es wachst in immer steigendem Maße das rutbenische Proletariat zu politischer Macht heran, das an diesem Kampfe gar nichts interessiert ist. *) Anderseits bergen die jetzt vorhandenen Interessengegensätze in sich selbst die Garantie für deren allmähliche Linde* rungv Das galizische Judentum befindet sich gegenwärtig im Prozesse der Produktivierung. Ueber kurz oder lang *vird es den Weg finden müssen, den das rußländische längst betreten hat, den Weg der Emanzipation vom lokalen Markte, die Produktion für den weiteren Markt. Alle diese Momente werden die ReibungsHächen immer mehr verkleinern, die oben besprochenen gemeinsamen Interessen müssen die Oberhand gewinnen. An uns ist es, diesen Prozeß zu beschleunigen- Die Ruthetten müssen bald sehen» daß die Juden eine Kraft sind, mit der man rechnen kann, Ich glaube aber, auch die Stunde der polnischen Assimilationspolitik wird bald geschlagen haben. Der Anzeichen gibt es genug. Die ganze polnische Gesellschaft empfindet bereits die assimilatorische Heuchelei der Löwenstein und Konsorten als für ihre eigenen Interessen schädlich. Noch gibt es in Galizien keine wirkliche polnische Demokratie. Alles ist verseucht Selbst die Sozialdemokratie feteckt bis zum Scheitel im schlachzizischen Chauvinismus. Alles wird vom Gesichtspunkte drs engherzigsten nationalen Egoismus behandelt Des schlecht verstandenen nationalen Egoismus. Es ist unmöglich, daß es für die Dauer so bleibt, in Russisch-Polen ist erst jüngst das einzige polnische sozialdemokratische Arbeiterblatt ,Nowa my'sl* für die nationalen Forderungen *) Schon Jetzt Ist die ruthenischc Sozialdemokratie die einzige Partei im Lande, die die nationalen Bestrebungen der Juden ernstlich unterstützt.

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