Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- Der Wahlrechtsraub in Galizien
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 155 (sequence 5)
- Language
- German
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Berl Locker, Wahlrechtsraub 155 III. Und nun zur letzten, nicht minder wichtigen Ursache "des Wahlreformmalheurs — zum Verhalte« der Juden. Weder die Regierung noch die polnischen und ruthenischen Parteien halten sich unterstanden, den Wahlrechtsraub so weit zu treiben, wenn nicht die Juden eine geradezu selbstmörderische Gleichgültigkeit und Vcrständnislosigkeit an den Tag gelegt hätten. Ein gewaltiger Aufschrei der Entrüstung über den unerhörten Frevel, eine spontane Manifestation des Masscmvillens der jüdischen Bevölkerung, ein einziger in die Augen fallender Beweis der Kampfbereitschaft hätte es die Regierung und die Parteien sich wohl überlegen lassen, gerade in diesen Zeiten eine so bedeutende Bevölkerungsgruppe in chronische Erregung, die aus dem Bewußtsein des Beraubt- und Geknebeltscins immer neue Nahrung ziehen könnte, hineinzutreiben. Daran ist nicht zu zweifeln, daß alle Faktoren einen mächtigen Protest der jüdischen Bevölkerung erwartet haben, daß sie zu Konzessionen entschlossen waren. Doch der Protest ist — abgesehen von gewissen Anstrengungen, von denen später noch die Rede sein wird — ausgeblieben. Warum? Vor allem, weil die jüdische Bevölkerung von der wirtschaftlichen Krise am härtesten mitgenommen wurde. Die täglichen Brotsorgen haben die Massen vollständig in Anspruch genommen,, es blieb keine Energie für den politischen Kampf. daneben muß aber insbesondere gegen die zionistische Landespartei die schwerere Anklage erhoben werden, daß sie während) der ganzen Zeit — es waren mehr als zwei Jahre — eine einfach verbrecherische Schweigtaktik befolgt hat. Die Partei der 30000 jüdischen Stimmen, der 15 Reichsratskandidaten, der Hunderte von Agitatoren, der reichen Geldmittel, des weitreichendsten Einflusses, die einzige Partei des jüdischen Bürger-* turns hat den furchtbaren Wahlrechtsraub — vornehm ignoriert. Indes in den Beratungszimmern des Landtags der schnöde Anschlag auf unsere Kechte geschmiedet wurde, hat der zionistische Parteipräsident und ehemalige Abgeordnete Vorträge über „Zehn Kongresse" herumkolpiert, haben die Herren Groschen für das Jerusalemer Gymnasium gesammelt und die arme Politik boykottiert. Und man glaube nicht, daß die Herren an ihre Pflicht nicht erinnert worden seien! Woche um Woche hjat der Jüdische) Arbeiter* die pflichtvergessenen Herren auf die Gefahr aufmerksam gemacht, in jeder Nummer sie Öffentlich angeklagt ob ihrer unglückseligen Verschweigungspolitik — es half' nichts. Oft schien es, als wollten die Zionisten sich endlich besinnen! Da erschien eine Erklärung: „Wir haben bis nun gewartet, ob nicht die Führer der Assimilation etwa tun werden.