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Die Freistatt · 1914-06-30 · Heft 3 (30.6.1914) · p. 154

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 3 (30.6.1914)
Article
Der Wahlrechtsraub in Galizien
Date
1914-06-30
Page
154 (sequence 4)
Language
German
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154 Berl Locker, Wahirechtsraub Buhlen um die Gunst der „maßgebenden Kreise" war eine der Regierung nicht genehme Stellung in der Frage der jüdischen Vertretung von vornherein ausgeschlossen. Doch alle diese Momente hatten die rapide und völlige Kursänderung doch nicht herbeigeführt, wenigstens nicht in diesem Umfange, wenn nicht weite ruthenische Kreise an der Niederhaltung und Unterdrückung der Juden mit interessiert wären. In gewissem Sinne sind hier die Verhältnisse ähnlich wie bei ^den Polen, Die ruthenische Intelligenz, die in den letzten Jahren enorm angewachsen ist, gerät notwendig in einen heftigen Konkurrenzkampf gegen die jüdische Intelligenz um die ruthenische Klientel. Die jüdische Intelligenz, insbesondere die erschreckende Zahl der Juristen, bedient in Ostgalizien hauptsächlich Ruthenen, (Man kann ruhig sagen, daß in der großen Mehrzahl der Zivilprozessc in Ostgalizien wenigstens eine Partei ruihenisch ist) So kommt es, djß die ruthenische Intelligenz in hohem Maße antisemitisch ist .Sie trägt die Propaganda der Verdrängung der Juden in die ruthenisch'en Massen. Diese Propaganda findet hier einen günstigen Boden. Der ruthenische Konsument, dem der jüdische Händler gegenübersteht, nimmt den Oedanken der Kon* sumkooperative mit begreiflicher Zufriedenheit auf* Anderseits sind bereits die Anfänge eines ruthenischen Bürgertums vorhanden, Ruthenische Handwerker, Händler und Kaufleute suchen/ den ruthenischen Konsumenten an sich zu reißen. Diese beiden' Elemente — die Konsumgenossenschaft und der Kleinproduzent —, so grundverschieden und divergierend sie ihrem Wesen nach sind, vereinigt der Kampf gegen den jüdischen Kaufmann und Handwerker '— die antisemitische Propaganda findet "Anklang in weiten Schichten des ruthenischen Volkes/ So kollidieren eigentlich in der ruthenischen Judenpolitik zwei Interessensphären: die nationale, die die Förderung des Kampfes; der Juden um ihre Rechte geradezu kategorisch verlangt, und das Gruppeninteresse gewisser ruthenischer Schichten, die die Verdrängung der Juden anstreben muß. Dieser Interessenkonflikt ist die Ursache der schreienden Dissonanz zwischen 1905—1906 und 1913—1914 in der ruthenischen Judenpolitik. Vorläufig hat die judenfeindliche Richtung die Oberhand,*) *) Es ist übrigens nicht uninteressant, daß es schon auch ruthenische Asslmiiationsappetlte gibt- So hat eine Gruppe ruthenischer Abgeordneten dagegen protestiert, daß man .alle* Juden den Polen zugezählt hat, und ein führendes ruthenlsches Blatt hat behauptet, die Muttersprache von 50000QJuden Ostgaltzlens sei ruthenlsch.

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