Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- Der Wahlrechtsraub in Galizien
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 153 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3119801-3119814-3119817-3121924--1605-3122002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
__Berl Locker, Wahl rechts raub_153 i Diese Gefahr wurde von den Ruthenen längst erkannt, Anläßlich der Beratung der Wahlreform sind sie für die Kreierung jüdischer Wahlkreise eingetreten; im Jahre 1907 sind durch ihre Wahlhiifc zwei für die Polen bestimmte Mandate den Juden zugefallen, wogegen auch ihre Wahlwerber von den Juden eifrig unterstützt wurden. In der Frage derLandtagswahlreforrn haben aber dieRuthenen eine ganz entgegengesetzte Taktik eingeschlagen. Schon vom ersten Momente an war es klar, daß sie entschlossen seien, die Juden ganz den polnischen Machthabern auszuliefern- In den jahrelangen Verhandlungen über die Wahlreform haben die ruthenisehen Führer der jüdischen Frage nicht mit einer Silbe Erwähnung getan, jegliche Kundgebung der jüdischen Bevölkerung wurde systematisch ignoriert. Ihr Leader, Abgeordneter Konstantin Lewicki, hat schon knapp vor Torschluß einem Interviewer erklärt, daß die Riithenen den Polen das Zugeständnis gemacht hätten, die Judenfrage den Polen als interne Angelegenheit zu überlassen. Daß diese Politik leichtsinnig und national gefährlich ist, ist nach dem oben Gesagten doch für jedermann klar. Und es drängt sich die 'Frage auf: Was hat die Ruthenen zu dieser Politik veranlaßt? In erster Reihe ist hier der allgemeine Kompromißcharakter der ruthenischen Politik der allerletzten Jahre zu nennen. Man war gewöhnt, ruthenische Politik mit prinzipiell-radikal-demokratischer Politik zu identifizieren. Diese „ruthenische Legende" ist nun einmal zu Ende. Die herrschenden ruthenischen Parteien segeln in der letztejm Zeit im opportunistischen Fahrwasser^ Sie streben um jeden Preis einen größeren Platz an der Staatskrippe an, sei es auch um' den Preis der primitivsten Prinzipien; der ursprünglichen ruthenischen Politik, Sie haben dem Ausgleich das allgemeine und gleiche Wahlrecht geopfert, sie haben ihm zuliebe sich mit 27,4 Prozent der Mandate begnügt (trotzdem sie nielir als 42 Prozent der Bevölkerung ausmachen), sie haben sich mit einem Vierteil der Landesausschußsitze begnügt, sie haben mit einem Worte das Prinzip der Oleichwertigkeit ihrer Nation fallen gelassen, um nur endlich einmal aus der ewigen Oppositionistenrolle herauszukommen, um endlich einmal ruhig ihre Macht genießen zu können. Sollten sie sich da durch die Judenfragc stören lassen? Ferner: Ruthenen und Polen wetteifern jetzt um die Gunst der Regierung und insbesondere der Krone. Die ruthenischen Bauernführer haben ihrem Volke den Namen „Tiroler des Ostens" beigelegt, eine Hindeutung darauf, daß die Ruthenen ebenso wie die Tiroler unter Hofer etwraigen feindlichen (russischen) Invasionen am trotzigsten die Stirn bieten werden. Bei derartigem]