Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- Der Wahlrechtsraub in Galizien
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 152 (sequence 2)
- Language
- German
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152 Bert Locker, Wahlrechts raub Die polnische Expropriierungspolitik gegen die Juden ist so gleichzeitig eine Waffe gegen die volle Emanzipation und Gleichstellung der Ruthenen als ein den Polen in Land und Staat ebenbürtiges Volk, insbesondere gegen die auf das Ziel: Ostgaliziem Ruihenisch-Galizien gerichteten Bestrebungen. Zur genaueren Beleuchtung dieses Gedankenganges mögen hier noch einige Ziffern über die Siedlungsverhältnisse Ostgaliziens dienen.*) Einer ruthenischen Majorität von 61,7 Prozent stehen eine polnische Minorität von 25,31 Prozent und eine jüdische von 12,35 Prozent gegenüber. Man stelle sich nun vor, daß die — von den Ruthenen so selbstlos geförderte — polnische Assimilationspolitik siegt, dann werden es die Ruthenen mit einer einzigen polnischen Minorität von nahezu 38 Prozent zu tun haben. Man bedenke dabei, daß die polnische Minorität die Verwaltung und das Gerichtswesen nahezu ganz noch in ihren Händen hat, daß sie sehr agressiv ist und die Herrschaft mit aller Anstrengung weitcrzubehalten bestrebt ist, daß die Polen eine systematische Kolonisation von westgalizischen Bauern und anderen Elementen in Ostgalizien betreiben, daß dieser Verstärkung des polnischen Elements eine starke ruthenische Emigration parallel läuft,**) dann wird man leicht die; Gefahr ermessen, die die Ruthenen sich auf den Hals laden, indem sie die ihrer Natur und Lage nach nie expansiven Zielen nachgehende jüdische Minorität den Polen in die Arme treibt. Und selbst damit ist hoch nicht alles gesagt. Es fällt noch die Verteilung der Bevölkerung auf die einzelnen Ortskategorien sehr stark ins Gewicht. Auf Grund genauer offizieller Ziffern ist im erwähnten .Wett*- Artikel berechnet, daß Juden und Polen in Ostgalizien zusammen scNori heute in Lemberg 79 Prozent, in den 19 größeren Städten 74 Prozent, in den 83 Städtchen 68,2 Prozent, in den restlichen Gemeinden 29 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Heute schon leugnen die Polen den ruthenischen Charakter Ostgaliziens, was doch den Juden naturgemäß nie einfallen könnte. Wie würde der Appetit der Polen erst wachsen, wenn die Juden wirklich eines schönen Morgens als Polen erwachten. Schön würde da das ruthenische Uebergewicht aussehen! *) Genaueres darüber siehe in meinem Artikel „Ruthenen und Juden* .Die Welt', 1913, Nr. 9. **) Im Jahre 1880 bildeten die Ruthenen in Ostgalizien 63,4% der Bevölkerung, die Polen 22,1%, int Jahre 1910 waren die entsprechenden Prozente 61,7 und 25,3.