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Die Freistatt · 1914-06-30 · Heft 3 (30.6.1914) · p. 150

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 3 (30.6.1914)
Article
Biographische Daten über Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher)
Date
1914-06-30
Page
150 (sequence 5)
Language
German
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150 Biographische Daten über Dr. Nathan Birnbaum Nirgendwo begegnet man dort jener Lebensabgewandtheit und blassen Abstraktion, in die sich manche spätere Theoretiker verrannt haben. Sein außergewöhnlich intensiver Kulturinstinkt, der zu den wesentlichen Seiten seines theoretischen Denkens gehört,;; hat ihn davor bewahrt. Er war zu viel Künstler, um das Leben; schematisieren zu können. Immer war in ihm der Drang rege, zu den Quellen des Lebens hinabzusteigen und das unfrucht-. bare rationalistische Denken der Zeit zu überwinden. So erkämpfte sich Birnbaum Schritt um Schritt Zugang zu der Welt des jüdischen Ostens. Und vielleicht war es gut so, daß er nicht mit alltäglichen, abgestumpften Augen an diese so lange verachteten Gebiete jüdischer Oesittung und Kultur herankam, sondern an ihnen die Ekstasen des Neulandbetreters erlebte. Denn nur so konnte er die jüdische Intelligenz, im Osten wie im Westen, die Ehrfurcht vor der Größe dieser einfachen Dinge lehren ... In all diesen Jahren, da Birnbaum dem jüdischen Intelligenten sein Volk neu entdeckte, hat er die geistigen Fundamente gelegt, auf denen die nationalen Parteien erst weiterbauen konnten. Bemerkenswert ist, wie unbeirrbar speziell breite Schichten der nationaljüdischen sozialistischen Bewegung zu Birnbaum stehen, trotzdem Differenzpunkte genug vorhanden sind, und ob-, wohl er selbst sich niemals me.hr seit seiner zionistischen Periode auf Parteiprogramme festgelegt hat. Das ist kein Zufall, sonderni der Ausdruck dafür, daß in diesen Kreisen mit ihren noch nicht skeptischen und journalistisch angekränkelten Hirnen das instink-v tive Verständnis für die große geniale Persönlichkeit noch ungebrochen lebt. Im übrigen ist nichts Verkehrter, als der hie und da auch gemachte Versuch, den nachhaltigen Kampf Dr. Birnbaums für das Ostjudentum als eine bloße literarische Ehrenrettung des Jiddischen hinzustellen. De,nn zu den markantesten Zügen dieses Mannes gehört gerade seine unverhohlene Abneigung gegen alles Literatentum. Das Ethos der Tat ist in ihm von jeher viel zu mächtig gewesen. Und darum ist er ja wohl auch seinen Weg zu Ende gegangen imd hat in vorgerückten Jahren und trotz störenden Widerwärtigkeiten das Jiddische zu lernen begonnen und soweit erlernt, daß er heute unter die besten Schriftsteller in dieser Sprache gezählt wirb!. Seine Neigung für das Jiddische war auch keine Reaktion auf der Hebraismus oder gar auf die russifizierende Assimilation, sondern nur ein Afusdruck seiner großzügigen Konzeption des jüdischen Ewigkeitsproblems. Er ist darum auch nicht bei einem" einseitigen Jiddischismus stehen geblieben, die Kurve seines Denkens erhebt sich vielmehr immer höher und höher über

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