Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 144 (sequence 3)
- Language
- German
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£44_Ucber Birnbaum_ ständigkeit, ohne Traditionen und ohne Strebungen', sondern daß sie ein Volk sind, wenngleich verstreut und versprengt, gelangte er von da aus bald zum äußersten und konsequentesten Schlüsse, zu dem man von der bloßen Anerkennung des jüdischen Volkstums kommt — zum politischen Zionismus. Wenn die Juden ein Volk sind, müssen sie also ein Volksleben wie alle anderen Völker leben- Was fehlt ihnen aber dazu? Ein eigenes Land, Boden unter den "Füßen geht ihnen ab, die Erde, aus der sie ihre materielle und geistige Nahrung ziehen können. Es fehlt ihnen der wichtigste Besitz eines jeden Volkes — ein eigener Winkel. Dieser Mangel muß also vor allem anderen beseitigt werden. Man muß das unumgänglichste Attribut eines jeden Volkslebens erwerben, man muß alle Kräfte zur Wiederbelebung und Verjüngung des einstigen jüdischen Landen — Palästinas — verwenden. Nur dann, wenn das jüdische Volk auf seinem Boden sitzen wird, wird es fest, vereint, groß und mächtig werden. Und wie Birnbaum im Begriffe, im Oedanken, in der Theorie ganz und konsequent ist, so ist er ganz und konsequent auch im Tun, in der Verwirklichung seines Gedankens. Nie scheidet er Oedanke und Leben. Leben ist bei ihm Oedanke, und Gedanke ist Leben. Er beginnt seine Idee sofort zu verwirklichen, in der Alltäglichkeit zu realisieren und zu verkörpern. Zu Unrecht sehen alle in Birnbaum nur einen Ideologen, Theoretiker, Hirnmenschen. In Wahrheit ist er auch gleichzeitig (und nach seinem Wesen — insbesondere) ein Tatmensch und Praktiker. Er ist wirklich zum Parteiengründer geschaffen. Er hat den hierfür notwendigen Glauben an sich, an die Wahrheit und Durchführbarkeit seiner Ideen, er hat auch die Initiative und die Kraft, ein Ding zu t|ün und ohne überflüssiges Erwägen und Grübeln daranzugehen, er besitzt dazu das Temperament und die Leidenschaft eines Parteimannes. Daher sehen wir Birnbaum, sobald er theoretisch ein politischer Zionist wurde, seine" Gesinnung in die Praxis umsetzen. Er begann sofort mündlich und schriftlich zu agitieren, studentische und allgemeine Zionistenvereine zu organisieren. Die Wahrheit muß gesagt werden: Dr. Birnbaum gründete in Westeuropa zionistische Vereine, als Dr. rferzl noch gar nicht an den Zionismus dachte. Der politische Zionismus befriedigte aber den unruhigen Geist Birnbaums nicht für lange. Er vertiefte sich in die jüdische Geschichte und fing an, nach den Ursachen ^Ses Golus zu forschen, das innere Leben seines Volkes im Altertum, im Mittelalter und in den letzten Zeitläuften zu betrachten. Dies brachte ihn zum K u 11 u r Zionismus. Sowie er lange vor Herzl politischer Zionist war, so war er früher als alle Kulturträger