Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 143 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3119801-3119814-3119817-3121922--1591-3121992- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lieber Birnbaum 143 heil, Verdorbenheit und Lächerlichkeit der Assimilation klar erkannte, alles Jüdische, alles Heilige, Schöne und Reine im Judentum so innig liebte, einen demokratisch-sozialen Sinn für Organisation und Volksmassen besaß, verständnisvoll in das sozialökonomische Leben der Völker eingedrungen war und die Ursachen des Antisemitismus erfaßt hatte, der die besonderen Sinne eines Voranschreitenden und Vorhersehenden hatte, so manche soziale Erscheinungen noch vor ihrem Kommen ahnend, dessen Rede immer begeistert, beflügelt und flammenfeurig war, von echtjüdischem Pathos und echteuropäischem Oedankengang, der den Dichter, den Denker und Volkstribun in sich vereinigt — e r hat alle die ersten Triebe des Zionismus aufgehen lassen, die ersten Studentenvereine wie auch die frühesten kleinen zionistischen Zentren in Westeuropa initiiert Als er dann über den Zionismus des Scheitels, der Aktie und der äußerlichen hebräischen Kultur hinauswuchs, als er weitere Horizonte, höhere Werte, ewige Werte zu suchen begann, als er den äußerlichen Zionismus bis zum Qrtind -Jüdischen, zum "Echt-Jüdischen, zu den großen Idealen des Judentums vertiefte, da wurden ihm die Fanatiker unter den westlichen Zionisten zu Feinden, und die Nichtfanatiker sagten: Wir kennen dich nicht mehr. Die Werke Dr. Birnbaums zeigen uns einen sehr originellen Entwicklungsgang vom ersten Erwachen des jüdischen Gefühls bis zum national-religiösen Bewußtsein. Ein Westjude, wie alle anderen, ein ^emanzipierter" Jude, wie alle anderen, ganz oder halb assimiliert, bewußt oder unbewußt — da beginnt der jüdische Funke m ihm zu glühen. Und bald erhält das Gefühl seinen klaren und vollen Ausdruck: Setbstcmanzipation, Birnbaum bleibt nie auf halbem Wege stehen. Er verschmäht es, sich nach allen Seiten, und das heißt, nach keiner Seite hin, zu wenden, wie es so viele in unserer Zeit tun/ In der Seele verhaßt ist ihm ein Gehen, das nicht zu seinem Ende geht, ein Sprechen, das nicht das letzte Wort spricht, verhaßt, nach allen Seiten auszuschauen, ringsumher, sich zu verbeugen, allen Göttern zu dienen und keinem treu zu sein. Aus tiefetn Herzen haßt er die Halbheit, Zerrissen- und Zersplittertheit des modernen Intelligenzlers. Er liebt das Ganze, das Echte, das Wahre, das Innerlich-Treue, das Innerlich-Freie und Innerlich-Gefestigte, Er ist einer der konsequentesten Menschen der Welt Beginnt er, so muß er beenden; sagt er A, so wird er B und C sagen1 bis zum Z; nach dem ersten Schritte muß er weiter und weiter* geheji. Sobald Birnbaum sah, daß sich der Begriff Juden* nicht deckt mit dem Begriffe ,Verstreute und versprengte Menschen ohne Land> ohne Heim, ohne Sprache, ohne Einheit, ohne Selbst-