Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 136 (sequence 3)
- Language
- German
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136 Ucber Birnbaum „das Volk ist ein tiefes Mutterwesen, das den nationalen Genius in Gestalt des großen Mannes hervorbringt". Was Wunder, daß dieser Manu es nicht lange beim Westjudentum aushalten konnte, das doch als Kollektiv um fast alle Potenzen eingebüßt hat, das als Volk kein Schaffensvermögen besitzt, bei dem die organischen zentripetalen Kräfte zu schwach sind, als daß von einefm wirklichen lebendigen Volksorganismus die Rede sein konnte. Schon 1897 in seinem Kongreßreferat: „Der Zionismus als KuHttrbewegung", sprach Birnbaum vom „toten, abstrakten Europattim" der Westjuden. Die Assimilation hat „innerhalb der westlichen Judenheit eine Zerrissenheit des Charakters gezeitigt, die noch schlimmer ist als die Exzesse weltbürgerlicher Phantasie und mammonistischer Berechnung, Sie hat hervorragende Geister.um die positive Volksindividualität, der sie zustreben, betrogen/' (Ges, Schriften Bd. I, S. 73.) „Durch ihren Austritt aus der Ghcttokultur begeben sie (die Westjuden) sich ihres nationalen Kulturgepräges,, Sie nehmen aber auch nicht Nationalität und Kultur eines anderen Volkes an. So führen sie nun eine scharf abgegrenzte Sonderexistenz, doch ohne eigenen Charakter. Ihr leiblicher und geistiger Habitus ist ein anderer, als der der Völker, unter denen sie wohnen, aber er ist nicht wie bei diesen in ein Lebenssystem gebracht." (Ebenda S. 72.) Dieser Mann mußte zum Ostjudentum strßen. Da war noch ein eigenes, eigenartiges Lebenssystem, da war die nationale Energie noch lebendig im innigen religiösen Leben, in der Volkssprache, der Volkstracht, den Sitten und Gebräuchen, den Volksliedern, dem Volkshumor; da zeigten sich auch Anfänge eines modernen Lebens in ausgeprägter nationaler Form, in Literatur, Presse, Theater und. —- in der Arbeiterbewegung. Tatsächlich fühlte sich Birnbaum schon in den ersten Jahren seinem öffentlichen Tätigkeit zum Ostjudentum mächtig hingezogen. Man lese seinen Aufsatz „Unter Fremden" im zweiten Bande seiner Schriften, „Ich kannte sie (die Ostjuden) noch nicht so, wußte noch nicht so gut von ihren Tugenden und Fehlern wie heute* Nur daß mir das Herz damals sas:te: In o ihnen, einzig und allein in ihnen liegt die Hoffnung unseres Volkes. Da ist noch Leben, da ist noch Feuer, da ist Judentum doch noch mehr als ein blasser Gedanke, Da bist du erst zu Hause." (S, 355.) Damals (1893) waren das freilich nur dunkle Ahnungen. Von eine4 wirklichen Einsicht in den Lebens- und Schaffensprozeß des Ostjudentums, von einem bewußten Glauben an die Zukunftskraft desselben war da natürlich noch nicht die Rede. Noch 1897 sprach Birnbaum der ostjüdischen Kultur jede Ent-