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Die Freistatt · 1914-06-30 · Heft 3 (30.6.1914) · p. 135

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 3 (30.6.1914)
Article
[Ohne Titel]
Date
1914-06-30
Page
135 (sequence 2)
Language
German
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Weber Birnbaum 135 Ein anderes Mal soll die Tragik darin bestehen, daß dieser Manu mit unwiderstehlicher Macht zur wahren, ursprünglichen« schöpferischen Volkstümlichkeit getrieben wird, sie jedoch nicht finden kann — tnotzdem et sie gefunden zu haben glaubt —, weÜ sie gar nicht existiert. Und wieder einmal sott seine Tragik darin bestehen, daß er, der geborene Revolutionär, sich von der Kraft des Evolutionsgedankens bezwingen ließ. All diese Erklärungen — wie auch viele andere — berühren entweder Teil- und Nebenerscheinungen der Sache, oder sie gehen von falschen Voraussetzungen aus, soweit sie nicht gar mit dem Begriffe der Tragik in parteischablonenmäßü?er Weise obligatorisch kokettieren^, Ich glaube, wenn es bei Birnbaum eine Tragik gibt, so ist es die Tragik des ununterbrochenen Ringens, das siel" in ihm vollzieht» die Tragik des Kampfes der Persönlichkeit mit deAt Schicksalen der Gattung* Birnbaums Name ist heute Programm: Rücksichtsloser Kampf gegen das Westjudentum, gegen dessen Hegemonie im Gesamt- Judentum, gegen dessen AnsteckungsWirkungen auf das Ostjudentum, Aber nicht viele wissen, daß den wichtigsten Teil des Kampfes Bi rnbaum mit sich selbst auskämpfen mußte, i n sich selbst, gegen sein Westjudentum, in das er hineingeboren und das ihm anerzogen wurde, das er in hartem, jahrelangem Kampfe\ immer wieder und immer gründlicher überwindet, das er dennnoch Vielleicht niemals restlos wird besiegen können: Hier sind vielleicht die Wurzeln seiner Tragik zu suchen. Was hat Birnbaum auf diesen Weg gebracht? Was hat Birnbaum zum „Abtrünnigen** gemacht? Was hat ihn auf den dornenvollen Weg der persönlichen Ueberwindung seines Gattungswesens getrieben? Kurz: Was hat ihn vom Westjudentum weg ins Ostjudentum hineingetrieben? Ich glaube: Sein mächtiges Kollektivgefühl, sein besonders fein ausgebildeter Kollektivtrieb. Birnbaum ist. in seiner Beziehung zum Einzelmcnschen Aristokrat Er bat ein sehr scharfes Auge für das Tierische und Niedrige im Menschen, er sieht in ihm vor allem das „kleine Menschlein1". Doch das bezieht sich alles nur auf das Individuum, auf das rein Individuelle im Menschen. Ganz anders das Volk, das Kollektiven, „Hoch über den Millionen kleiner Einzelmcnschen steht die geistige Majestät des Volkes.1' Das Volk ist ihm das „Reservoir, von dem der jjanze Prozeß kulturellen! Schaffens ausgeht**, „Däe Menge ist gewöhnlich, das Volk ist adelig; die Menge ist häßlich, das Volk ist schön; die Menge ist Tyrann, das Volk ist ein Held." Und der Adel und die Schönheit des Volkes ist in seinen Großen konzentriert. Denn

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