Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 137 (sequence 4)
- Language
- German
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Ueber Birnbaum ' 137 Wicklungsfähigkeit ,ab. Ja, der Unterschied zwischen Ost- und Westjudenfum erschien ihm damals — wie so vielen heute noch — als bloß quantitativer und zeitlicher Natur Im Aufschwung der „Jargons-Literatur und des „Jargon"-Theatcrs sah er „nicht von Innen stammende und im Inneren verlaufende Fortschritte der ostjüdischen Kultur". „Es findet kein kultureller Fortschritt, sondern ein Fortschreiten aus der Kultur und ein Hineinschreitenj in die europäische Zivilisation statt" Doch das ist hier nebensächlich. Hier handelte es sich darum, die Anfänge des Konfliktes mit dem Westjudentum festzustellen, nachzuweisen, daß sein Kollektivtrieb Birnbaum schon einige Jahre vor dem politischen Zionismus zum Ostjudentum instinktiv hingravitieren ließ, daß schon 1893 sichtbare Keime für die „Ketzerei" von 1902 vorhanden waren. r I b II Ein weiteres, die Persönlichkeit Birnbaums charakterisierendes Moment ist seine historische Denkweise. Er betrachtet alles Geschehen unter dem Gesichtspunkte der Gesetzmäßigkeit, und auch im jüdischen Leben sieht er die großen Kräfte der Geschichte walten, Zu diesen Kräften gehört vor allem das Entwicklungsprinzip, die den Dingen innewohnende beständige Veränderung, die fortwährende Aufwärtsbewegung des Menschengeschlechtes* So kam Birnbaum zur Negierung der Idee vom absoluten Golus, der „trotz aller lokalen und zeitweiligen Milderungen und Abschwächungen immer wesentlich gleich bleibe", zur Theorie von einer der Aufwärtsbewegung der Menschheit parallel laufenden Abwärtsbewegung des Golus, zum „Golus- Minimum", das, gedanklich wenigstens, sich einmal auch bis zum Nullpunkt hinunterentwickeln könnte. Für das Ostjudentum bedeutete aber die Verwerfung der Golusthcorie — Bejahung seiner selbst. Sein historischer Sinn mußte Birnbaum sagen, daß es willkürlich und unhistorisch sei, von eines bestehenden Kultur zu behaupten, sie hätte keine Entwicklung durchgemacht, sie sei sich durch zwei Jahrhunderte gleich geblieben, daß es aber geradezu eine Vergewaltigung aller historischen Logik und Erfahrung sei, die Ansätze zur Modernisierung der ostjüdischen Kultur als illegitime Kinder, ja sogar als Todesvorboten dieser Kultur aufzufassen. Hier setzte die Wirkung des mächtigen Kollektivtriebes ein, der Birnbaum den Weg zur Volksseele wies, ihn befähigte, dem Pochen des Volksherzens zu lauschen, den Prozeß des Volksschaffens zu schauen> die positiv aufbauenden Kräfte des ostjüdischen Lebens in ihrem Wirken zu beobachten.