Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 131 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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lieber Birnbaum 131 erst kommen muß. „Ich hoffe und glaube, daß in einem großen Sturm der Seelen unser geistiger Genius wieder erwachen wird." Der Weg, den Acher geht und gehen muß, ist bedingt von der gegenwärtigen La-gfe des Judentums. In einem Satze ist diese zu charakterisieren: Alles in ihr ist problematisch. Auch der Zionismus. Und deshalb muß der, welcher mit heißer Sehnsucht sich einem großen, ganzen Judentum anschließen will, immer wieder aufs ne'ue empfinden, daß er Unmögliches sucht. Das ist die Tragik Birnbaums. Vom Zionismus trieb ihn flas Gefühl, daß! er eine problematische Sache sei, er aber wollte als Unbedingter leben. Er suchte sich an das zu assimilieren, was man heute jüdisches Volk nennt, das aber doch kein „Volk" ist ■— was schon Achad Haam einmal bemerkt hat Und er mußte empfinden, daß auch hier alles problematisch sei» und so blieb ihm nur der Glaube an den jüdischen Genius und seine einstige Wiederoffenbarung. Hier ist der psychologische Punkt, wo wir Zionisten Birnbaum, trotz aller heftigen und verbitterten Kritik, die er au unserem Werke übt, in einem tieferen Verstände als den unseren auschen müssen. W.as ihn seit je getrieben, und was er seit je erstrebt — das treibt auch uns, das erstreben auch wir; Uns wie ihn treibt die Sehnsucht nach eilnem neuen, vollen, großen Judentum, und wir wollen es bauen- Nur daß wir an unserer ersten, Einsicht festhielten: im Galuth ist alles problematisch (und dies nur ist der tiefere Sinn aller zionistischen Galuthverneinung) — was wir erstreben, kann nur in Palästina aufgebaut werden, so „maskilisch" — wie Birnbaum sagt — es auch sein mag, ein Loben lang auf einer schmalen Schneide (zwischen der voltständigen Assimilation einerseits und dem noch} stark von Ghettorückständen durchsetzten jüdischen Gegenwart^- leben anderseits) zu balancieren. Birnbaum dagegen ist zu sehr von heftigen Impulsen; getrieben, als daß er auf diesem Pfade hätte verbleiben können. Er wollte realisieren, wollte das ganze, volle Judentum leben — ab;er es kommt der Tag, wo er empfinden wird, daß dies in der Diaspora unmöglich ist Der maBlosfc Kampf gegen den Zionismus; den die JiddN schisten mit Birnbaum an der Spitze in der letzten Zeit zu führen pflegen, die höhnende, kränkende, im höchsten Maße ungerechte Sprache, die sie gegen unsere Bewegung führen, soll dem großen Manne heute nicht angerechnet, an die persönlichen Feindschaften, die ihm, ein verbitterter, streitlustiger Sinn geschaffen hat, nicht erinnert werden. Ueber diese mensch* liehen Kleinigkeiten erheben wir unseren Blick zu einer verständnisvollen Würdigung des Mannes, der — mag er sich heute auch als unser Feind geben — ^ne einzigartige Gestalt ist,