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Die Freistatt · 1914-06-30 · Heft 3 (30.6.1914) · p. 130

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 3 (30.6.1914)
Article
[Ohne Titel]
Date
1914-06-30
Page
130 (sequence 2)
Language
German
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130 Ueber Birnbaum Natfran Birnbaum hat eher einen faustischen Zug". Mit allen Fasern seiner Seele sucht er die Wahrheit, seine Wahrheit. Und dies ist nicht nur ein gedankliches Suchen und Streben , als ganzer Mensch, als reiche Persönlichkeit will, er seiner Wahrheit leben. Er ging1 aus einem Zeitalter hervor, das erfüllt war von der' neuen große» Wahrheit der materialistischen Geschichtsauffassung'. Sein starker, eindrucksfähiger Geist geriet in ihre Bande. Und trotzdem, schon damals war in seinen Erkenntnissen eine ganz unmaterialistische tiefe psychologische Betrachtungsweise zu merken — man erinnere sich nur an die Rede, die er am ersten Zionisten-Kongreß hielt, wo er die jüdische Seele analysierte und aussprach, wias nie besser gesagt Werden konnte: Oer Wurzelboden in uns ist jüdisch, die Keime, die darauf fallen, sind gemeinsam europäische — nicht speziell nationale Kulturkeime.: Aber die Erkenntnis genügte ihm nicht, weil sie eben bloße Erkenntnis war. Sein starker Impuls trieb ihn, das Jüdische nicht bloß zu definieren, sondern es auch zu leben. Nicht ein jüdisches Volk in die Zukunft zu projizieren, sondern es in der Gegenwart zu suchen. Und niemand hat seinen Wieg so Mar wind eindeutig beschrieben, als er selbst mit dem Satze: „Schritt für Schritt bin ich auf dem Wege von der konstruierten, abstrakten Nationalität zur lebendigen, konkreten Volkstümlichkeit vorwärts gegangen." Daß er mit unwiderstehlicher Macht auf diesen Weg getrieben wird, ist seine Tragik. Denn die lebendige Volkstümlichkeit, die er mit sehnender Seele sucht, gibt es heute im Judentum nicht. Das Ostjudentum, das er für sich und für die westjüdische Welt entdeckte, ist kein VoHjudentum, Birnbaum hat zeitweise sogar seinen Sitz unter dem Ostjudentum aufgeschlagen, sich das Jiddische ganz zu eigen gemacht, aber das, was er suchte, tonnte er nicht finden, wenn er vielleicht auch heute noch glauben mag, es gefunden zu haben. Es wird die Zeit kommen, wo er, der unerschrockene Wahrheätssucher, der wie kein Zweiter immer wieder die selbstgeschaffenen Lebenslügen zerstört, dies einsehen und einen neuen Weg suchen wird. Schon hat er, der aus einer gänzlich glaubenslosen Provinz des Geistes kam, eine Wendung zur Religion genommen; — wie anders, da er doch etwas Ganzes, Starkes, Ungebrochenes, Einheitliches im Judentum suchte? Doch das gegenwärtige religiöse Judentum kann ihn unmöglich befriedigen. Er forscht deshalb immer wieder nach den Urquellen des jüdischen Genius,: und trotz aller Inbrunst, mjt der er sich deim ostjüdischen Volks-, tum hingibt, sagt er es selbst, daß das Große im Judentum;

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