Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 2 (28.5.1914)
- Article
- Der jüdische Weltschmerz
- Date
- 1914-05-28
- Page
- 117 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Sch. I. Hurwitz, Der jüdische Weltschmerz 117 aller Schöpfungen unserer neuen Literatur. Und symptomatisch ist es, daß gerade unsere größten Schöpfer in Literatur und Kunst, Schöpfer, die sonst in jeder Literatur und in jeder Sprache Wegweiser des Volkes und Verwirklicher seines Strebens sind, daß bei uns sie gerade von Zionsliebe und Negierung des Golus am meisten entfernt sind . . . Es versuchen zwar einige zionistische Schriftsteller noch hie und da ihrer Hoffnung Netz auf eine besondere Religiosität auszuspannen, die ihrer Meinung nach gerade am Lande hängt, und in ihm wollen sie Erlösung für die Volksseele und für sich selbst finden; Aber wer hört es denn nicht, daß aus diesem „Schmachten der Seele" das Schwanenlied des Zionismus herausklingt . . . Diese guten Leute umhüllen ihr „irdisches Jerusalem" mit Nebelmassen und Schatten von Mysterien, weil — sie daran nicht glauben. Und da es ihrer jüdischen Seele unmöglich, ohne irgendeine Hoffnung für die Zukunft zu bleiben, deshalb finden sie eine kleine Rettung darin, daß sie ihren Zionismus vom Leben und von der realen Welt herausheben, und entführen ihn dorthin, wo Gottes Thron steht, d. h. jenseits des Lebens und der Welt In diesem Glauben finden sie Zuflucht, ebenso wie hunderte Generationen von Juden vor ihnen, die den Messias erwarteten und — in der Verbannung lebten . . . Und so werden wieder einige Jahre vergehen, und wieder wird das Exil alle schönen Träume verschlingen, die unsere Seelen so bezaubert haben im Laufe eines Vierteljährhunderts, und unser Leben wird wieder fließen „in hac lacrimum valle", wo Menschen nur ein provisorisches Dasein führen, Wie sich dies nicht einmal schon nach allen messianischen Bewegungen in Israel ereignete. Und damals wird dieses „geistige Zentrum" wieder ein Erinnerungsüberbleibsel einer jüdischen Bewegung in Israel zu sein beginnen, die man vorzeiten mit „Zionismus" benannte, und der Zionismus selbst wird — wie wir bereits oben sagten — all den breiten Schichten des Volkes, die seinerzeit von der Haskoloh unberührt geblieben sind, eine Herausforderung zur Assimilation werden . . . Und dann? Dann wird die Existenzfrage des Judentums wieder auf den Plan treten — und das Leben wird das Seinige tun,* . . . * So sieht er aus, der jüdische Schmerz! Scheint dir manchmal, als hättest du das Existenzgeheimnis unseres Volkes entdeckt,;tls hättest du 'die Deutung unseres Lebensrätsels gefunden und besäßest den Schlüssel zum Leben der Zukunft, aber nun prüfst du nach und siehst, daß dies nichts sei, nichts als ein blendender