Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 2 (28.5.1914)
- Article
- Der jüdische Weltschmerz
- Date
- 1914-05-28
- Page
- 118 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Sch. I. Hurwitz, Der jüdische Weltschmerz Lichtstrahl aus nebeligen Fernen, und zitternd stehst du da und lechzest nach Deutung, als wie zuvor . . . Und nicht das ist der Schmerz, daß diese oder jene Deutung deinem Herzen nicht zutreffe, daß du dich wider alle deine heiligen Ueberlieferungen, wider alle teueren Güter deiner Seele erheben mußtest, um dir einen Weg zu bahnen, sondern es ist dieser tiefe Schmerz selbst, daß es keine Lösung gibt, daß alle Lebensschlüssel verloren gegangen und alle, alle Tore gesperrt sind, und daß es keinen Ausweg gibt und keine Zuflucht, weder Rettung noch Kraft ... Und wenn dieser Schmerz größer wird vor Verwirrung und Reue über all diese Ereignisse, und wenn das Herz sich zusammenschnürt vor Zorn und Scham, vor Erbitterung und Verzweiflung, dann klimmt manchmal der Gedanke in unsern Tiefem lauf, und wjir frjagen uns selbst: was diese Qual der Seele, wozu das Weh dieser grausamen Fragen? Was nützt das Herumwühlen in unseren Wunden, in den alten und neuen, in den Wunden der Väter und in denen der Söhne, wozu all dies — gibt es doch keinen Weg, weder links noch rechts?! Und manchmal vergraben wir unser Haupt in der Erde und schweigen. Und wir vergessen an die Trübsal der Gegenwart und an die Zweifel der Zukunft und lassen den Schmerz unserer Verwirrung hinabsinken in die Tiefen der Vergangenheit . . Denn dort ruhen die Erschöpften aus! So über den Juden, so über den Griechen klappte der Sargdeckel zu im ewigen Frieden! . . . Und es tut gut, dieses Schweigen, und es tut weh, dieses Schweigen. (Aus dem Hebräischen übersetzt.)