Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 2 (28.5.1914)
- Article
- Der jüdische Weltschmerz
- Date
- 1914-05-28
- Page
- 116 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Sch. I. Hurwitz, Der jüdische Weltschmerz in weite Horizonte hinausgeschoben, und die Hoffnunsr' wird O ' CD immer geringer . . . a Und die Langweile der Erwartung und die erstickende Oede brachten die empfindsamen Seelen in uns zu einem überspannten Mystizismus. Aus Mangel an Lebensinhalt, aus Mangel an Kraft sinkt der Stolz des Menschen. Er vermag nicht aus sich selbst herauszugehen und die Leere in seinem Innern zu bezwingen und kann auch für sich selbst die Verantwortung nicht tragen. Da hörte man die Stimmen von „Proselyten", die da riefen: Zurück zum „Gesundbrunnen" des Volkes, zurück zum reinen Glauben (als ob es möglich ist, den Glauben auf künstliche Weise in die Herzen „einzupumpen", wenn der Geist Gottes nicht über dem Leben schwebt!) Und wie betrübend ist es, daß auch diese Wenigen und Vereinzelten gerade in dem Momente, als sie unsere Existenzfrage an der Wurzel gepackt zu haben schienen, als Frage über Leben und Tod, daß auch sie sie nicht zu den äußersten Konsequenzen gebracht, sie nicht bringen wollten und vor der Mitte des Weges den Kürzerrt zogen — weil sie gefürchtet hatten, den baren Taler in der Tasche in Münzen von vielleicht und aber eintauschen zu müssen. Auch sie wurden vom Strom der Menge mitgerissen. Und nun hören wir auch sie zusammen mit der ganzen Menge „Haileluja rufen. Sie sind zufrieden mit all dem, was in unserer Welt vorgeht, und besonders mit sich selbst und mit ihrer Prophezeiung . . . Und es siegte die Eintönigkeit, die alles und jeden gleich macht, und erstickte jeden Schatten von Individualität.. Alles ist ein einziger Haufen, ein schlummernder und gähnender Klumpen . . . Fehde, Fäulnis und das rieselnde Geschwätz von Lügnern! Und auch jetzt kann man aus den Stimmen, die von da und dort an unser Ohr dringen, vernehmen, daß die Neigung zum Negieren des Golus im Lager' unserer Nationalisten von Tag zu Tag einschrumpft und schwächer wird. Und in der Tat, wer Augen und Verständnis hat für das Werden und Weben im Tiefen und Geheimen, wird beobachten, daß bei unseren Nationalisten die Neigung, sich dem aufgezwungenen Golus - dem nach jeder Art hin aufgezwungenen — wieder anzupassen, stärker geworden ist, und daß man wieder begonnen hat, in seinen Abgründen herumzusuchen, um von dort die Perlen für die Volksseele hervorzuschöpfen . . . Religiöses Sehnen, nebelhafte Empfindungen und die Erkenntnis der Mysterien begannen den Seelen im Golus einen neuen Inhalt zu geben. Die Sehnsucht nach dem kleinen Städtchen, die Idealisierung seines patriarchalischen Lebens und der dämmsrhaften Seelen, die in ihm lebten und wirkten — dieses Hauptmotiv