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Die Freistatt · 1914-05-28 · Heft 2 (28.5.1914) · p. 115

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 2 (28.5.1914)
Article
Der jüdische Weltschmerz
Date
1914-05-28
Page
115 (sequence 8)
Language
German
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Sch. I. Hurwitz, Der jüdische Weltschmerz 115 autonome jüdische Kultur zu schaffen, als alle die geistigen Zentren, deren es noch vor hundert und vor fünfzig Jahren im Golus gab. Hatten wir denn schon damals nicht irgendein „Tel-Awiw" in den „gestatteten Wohnbezirken"? Hatten wir denn schon damals nicht, wenn ihr wollt, eine autonome Kultur? Und nun blies ein neuer Wind in das herrschende Königreich und unser jüdisches Leben wurde dort zerstört, und alles sank in Trümmer, alles . . . Kein Zweifel, daß solches auch c?em Golus-Jjschmuel passieren wird, Wenn die nationale Kultur im Lande sich entwickeln, und wenn der nationale Geist des herrschenden Volkes allen Ereignissen seinen Stempel aufdrücken wird. Und wir sagten schon: Golus-Edom und Golus-Jjschmuel — welcher Unterschied zwischen beiden? . . . Es ist auch naheliegend — und viele von uns glauben daran »■ daß der Osten vielleicht wieder ein Asyl für tausende und abertausende unseres Volkes wird werden können, und vielleicht wird er auch die Aufgabe erfüllen, ein Sammelpunkt der Juden zu werden, die jetzt nach den ökonomischen und politischen Umwälzungen in Europa am Scheidewege stehen, wie dies auch geschah, als unsere Brüder aus Spanien und Deutschland vertrieben wurden — aber sonst nichts mehr! Wir werden kein neues Volk mehr werden, auch dort nicht, wo unsere Wi stand, weil wir weder Willen noch Neigung dazu haben' :/ . y Und der Golus wird hier wie dort die letzten Reste des Judentums verzehren, bis wir selbst aufhören werden, den seelischen Unterschied" zwischen uns und unserer Umgebung zu spüren. Und dann — was wird das Ende des Traumes sein? . . . In der letzten Zeit begannen unsere Tröster zur Not einen neuen Ausweg zu wählen. Das Judentum — sagen sie — geht im Golus gar nicht zugrun'dei. Im Gegenteil, das Judentum wird dort noch gefestigter, es schafft sich neue Positionen in der Welt. Kein Grund zu Befürchtungen, wir erobern uns in allen Ländern eine Festung nach der anderen. Unsere ganze Verbannung ist ein Siegeszug ohne Aufhör. Im Golus siegte der Geist des Judentums, der sich von den Landfesseln befreite., Im Golus haben wir uns ein wunderbares Akkomodationsvermögen angeeignet und die Kraft ewigen Seins, ohne daß wir, wie alle übrigen Völker, an territoriale Existenzbedingungen gebunden wären. — Und wunderlich, daran halten nicht nur die Nationalisten „unbestimmten Genres" fest, sondern auch Zionisten, die wahrscheinlich anfangs mit einer solchen Ideologie nicht recht zufrieden haben sein müssen . . . Die Ursache davon ist recht begreiflich. Der Zionismus kann sich nicht gleich verwirklichen, wie man dies zu Zeiten Herzls erhoffte. Die Hilfe wird

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