Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 2 (28.5.1914)
- Article
- Der jüdische Weltschmerz
- Date
- 1914-05-28
- Page
- 114 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Sch. I. Hurwitz, Der jüdische Weltschmerz „Die Ruhigen und Hoffnungsvollen" in uns kommen auf besonders einfacher Weise zu Zionismus und geistigen Zentren, und in ihnen sehen sie die absolute Lösung unserer Existenzfrage. Und wirklich hätte der Zionismus die einzige Lösung der Frage und das geistige Zentrum eine schöne Aufgabe sein* können, wenn — wenn wir wirklich ein Volk wären, ein lebensfähiges und gesundes Volk. Aber nun kann man doch schließlich die bittere Wahrheit nicht verkennen, daß uns tausendjährige Verbannung zugrunde gerichtet hat. Wir wurden alt durch ihren Schmutz, und Fäulnis zerfraß uns vom Scheitel bis zur Sohle, Wir kennen keine realen Möglichkeiten, unter welchen sich Völker zusammennehmen und entwickeln können. Wir besitzen keine Landfesten, die uns und unsere nationalen Güter beschützen sollen. Unsere nationale Sprache, auch sie trotz Versuchen von „Liebhabern" — geht der Vergessenheit entgegen. Unsere Kultur, die wir abstrakt „Judentum" benennen, wird — trotz Auflebungsbemühungen — verschlungen von einer fremden, größeren und mächtigeren als sie. Und auch unsere nationale Psychik, dieser spezifisch jüdische Lebensstil, auch er ist dem Untergange nahe, seitdem die Riegel des Ghetto zerbrochen wurden. Auch 'die jüdischen Familienhäuser sind zugrunde gegangen,. Die jüdische Familie wird von Tag zu Tag zersplittert, und ihre Glieder hängen ihr wie ein Fremdes nach, da sie keinen einenden Lebensinhalt und keine gemeinsamen Interessen mlit ihrem Volke besitzen . . . (Mögen sich die Tröster zur Not nur nicht entfernen, sollen sie es selbst bezeugen! Sollen sie nur um sich blicken, in ihrer Häuser Grab, und sie werden wissen, ., .;) Und Geist haben wir in uns nicht, daß [er uns Antrieb gebe zu mächtigen Taten, Antrieb gebe, die fremde Kultur, deren Wasser wir trinken, zu überwinden und das fremde Leben, in dem wir untersinken. Und Geist haben wir in uns nicht, daß er die Menge zu einer allgemeinen seelischen Umwälzung, zu einer Selbstrevolution aufrütteln soll — und wir haben keine Kraft, erlöst zu werden. Warum sollen wir uns denn selbst betrügen? Trotz Triumphen, die der Zionismus in gewissen Kreisen feiert, trotzdem, daß auch namhafte Gelehrte „von außerhalb" dem Zionismus jetzt näherzutreten begannen, braucht man gar kein Prophet zu sein, um voraussagen zu können, daß dieses ganze geistige Zentrum, das man jetzt als den letzten Schutzwall des Zionismus anspricht — 'nachdem man ihm die Krone vom Hauptö gerissen hatte, nämlich den politischen Gedanken —, daß dieses Zentrum, ohne eine politisch gesicherte Garantie und ohne f e stef ökonomisch-staatliche Lebensbedingungen, nicht mehr Macht haben wird, unsere nationale Position zu befestigen und eine