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Die Freistatt · 1914-05-28 · Heft 2 (28.5.1914) · p. 112

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 2 (28.5.1914)
Article
Der jüdische Weltschmerz
Date
1914-05-28
Page
112 (sequence 5)
Language
German
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112 Sch. L Hurwitz, Der jüdische Weltschmerz hleme aufrollt, die von einer Kultur und Lebensbestrebungen kommen, die uns und der ganzen Menschheit gemeinsam sind? Und warum, warum — fragen unsere Söhne — sollen wir uns begrenzte Pfade suchen und die gerade Richtung meiden? . . * Worin haben wir die Sicherheit, daß wir unserer nationalen Empfindung vertrauen können, und worin die Garantie für die Tröstungen unserer Friedenspropheten? * Und wenn diese Tröster zur Not selbst Zweifeln anheimfallen, dann kommen sie und werfen einen Schrecken über sich und andere, spotten bitter und grausam über den „Verkauf der Erstgeburt und das Linsengericht" und über den „Selbstmord"^ den wir an uns begehen . . . Aber wen können solche leere Worte noch beruhigen und wen beunruhigen? Wer weiß jetzt noch, was Erstgeburt und was Linsengericht zu bedeuten haben? Sind sich denn jetzt unsere jungen Leute dieser Erstgeburt bewußt, und gestalten sie ihr Leben ihr gemäß? Was verdanken wir ihrem Bestehen, und was verlieren wir an ihrem Aufhören? Lange Perioden der Verbannung, ganze Reihen von Geschlechtern, die sich dem Leben in den fremden Ländern angepaßt haben, bauen allmählich für die geistige und physische Assimilation vor — und nun steht man da und knirscht mit den Zähnen: Assimilation, Fahnenflucht! . . - Wenn einer an einem öffentlichen Platze eine Grube gräbt und jemand hineinfällt, wer trägt die Schuld? Denn der, der hineingefallen ist? , . . Und dieser Verlust selber — was bedeutet er? Ist er doch nur der Verlust einer Sache, die schon längst dem Untergange geweiht war' ." . Assimilation — das ist die Entledigung von Neigungen und Empfindungen, Erkenntnissen und Glaubensinhalten, die von Geschlecht zu Geschlecht kraft der Gewohnheit mitgezogen wurden, nun aber wie ein welkes Blatt abfallen müssen, um einem neuen Lebensantlitz, neuen Inhalten und neuen Begriffen Platz zu machen, von denen die ethische Individualität ihre Lebenssäfte saugt. Und welchen Verlust hat man hier zu beklagen? . . . Auch dieses „Linsengericht", das unsere Hüter der Wahrheit bespötteln, ist es denn wirklich so klein und niedrig, daß es bespottet zu werden verdient? Ist denn dies anders als ein starker und flammender Ausdruck einer natürlichen und menschlichen Willenskraft, die im Innern unserer Zeitgenossen laut geworden ist, um am Ende doch eine gesunde Basis in einer lebendigen und schaffenden Kultur zu finden, wo man einmal mit Sicherheit auf gefestigen Boden auftreten kann? . . . Alan kann auch die Möglichkeit dessen bezweifeln, und das ist es, was die Lösung unseres Problems erschwert — daß es keine Rettung gibt für den, der als Jude geboren ist, und daß er ein

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