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Die Freistatt · 1914-05-28 · Heft 2 (28.5.1914) · p. 111

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 2 (28.5.1914)
Article
Der jüdische Weltschmerz
Date
1914-05-28
Page
111 (sequence 4)
Language
German
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Sch, L Hurwitz, Der jüdische Weltschmerz 111 Dies w|ar also nichjt nur nicht ein Heldentod, sondern vielleicht auch eine falsche Rechnung . . . Und nun kommen die Propheten der Auflebung und sagen: Die nationale Empfindung lebt von den Erinnerungen an die Vergangenheit, von Erinnerungen, die Gemeingut der ganzen Nation geworden sind. Und mit solchen Erinnerungen bepanzern sie sich, wenn die Frage der nationalen Existenz auftaucht und Lösung fordert Aber welche Gefühle kann jetzt die Erinnerung dieser Vergangenheit eines nutzlosen Lebens — mögen sie sie auch gekannt haben — erwecken? Wenn „die ferne Vergangenheit" eines ruhmreichen Lebens bereits geschwunden ist aus dem Gedächtnisse ihrer Vorfahren, wie also wird die nahe Vergangenheit es bewirken, daß unsere Söhne die Existenz einer „zwecklosein Einsamkeit" fortsetzen, wenn sie dem Glauben ihrer Väter längst schon abtrünnig geworden sind? Und nicht nur dies, sondern auch die ganze berühmte Märtyrologie, der wir Kränze ums Haupt winden, ruft schon längst mehr keine Begeisterung in ihnen hervor, daß sie ihretwillen stolz ihr Schicksal tragen, als „Söhne von Märtyrern". Denn manchmal hegen sie trübe und bittere Gedanken, wofür geben diese Märtyrer ihr Leben hin? Starben doch auch sie nicht aus Liebe zur Nation und für deren Fortbestehen, sondern bloß für ihre Religion, sie gaben ihr Leben hin für jene „zweifelhaften Wahrheiten", in denen jeder von ihnen Heil für seine Seele suchte, jeder Einzelne für seinen persönlichen Gott und für sein persönliches Himmelsreich. Wie nun soll ein solcher Märtyrertod die Herzen der Nachfahren entflammen, wenn ihnen dieser Glaube schal geworden ist? Wodurch soll ihnen diese Selbstaufopferung größer und hehrer erscheinen, als alle sonstige Hingabe für private Neigungen, für Selbstliebe, sexuelle Gelüste und ähnliche Dinge, denen wir im alltäglichen Leben begegnen? Wer kann es ihnen sagen, welche dieser Hingaben heiliger ist, menschlicher und natürlicher zugleich? . . , Und nun jedes lebendigen Glaubens bar, was soll uns die Erinnerung an die ganze Vergangenheit, die Erinnerungen an Irrfahrten und Müdigkeiten, was können sie unseren Kindern bieten, daß sie statt ihrer ein schönes Leben wegwerfen, mit dem sie seelisch verknüpft sind? . . . Oder sollen wir auf die Zukunftsstrebungen Vertrauen hegen, auf die Zukunftsstrebungen, die der ganzen Nation gemeinsam sind, und s i e als Basis für eine gesunde nationale Empfindung hinstellen)?{ .; ., Aber wer, wer von uns erkennt es schon jetzt nicht, daß jedem nationalen Problem gegenüber, das uns unsere welke nationale Empfindung als eine Art besondere Kostbarkeit einer besonderen Zukunftsoffenbarung hinwirft, uns unsere aillmenschliche Empfindung eine Menge universaler Pro-

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