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Die Freistatt · 1914-05-28 · Heft 2 (28.5.1914) · p. 110

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 2 (28.5.1914)
Article
Der jüdische Weltschmerz
Date
1914-05-28
Page
110 (sequence 3)
Language
German
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110 Sch. I. Hurwitz, Der jüdische Weltschmerz s dem Stil seines Volkes einzurichten, sobald er begonnen hat, fremden Lebensinhalt einzusaugen, fremde Lebenserscheinungen aufzunehmen, dann ist das Band zwischen ihm und seinem Volke locker geworden, und die Freundschaft ist gekündigt1 . . . jWie kann man denn unsere ganze Existenz auf die nationale Empfindung stellen, wenn sie selbst von so vielen Ursachen bedingt wird, die selbst absolut unabhängig sind, und die die Kontinuität dieses Gefühls nicht absolut abhängig machen? Denn, fürwahr, wie vermehrten sich bei uns die Mischehen und die Taufen — und die Risse in den Zelten Jakobs immer tiefer ohne daß ihnen diese Empfindung Einhalt getan hätte?! Und sogar die Rasseinhalte, auf die sich unsere Ewigkeitskünder stützen, können sich diese denn wirklich nie assimilieren? Wer von uns glaubt jetzt, daß die Menschen Paar und Paar geschaffen wurden? Wer von uns weiß es jetzt noch nicht, daß auch die Rasse selbst nichts mehr ist, als die Vereinigung verschiedener Faktoren, die in Zeit und Raum von verschiedenen Lebensbedingungen beeinflußt wurde, und die sich dann unter anderen Bedingungen wieder zersplittern kann? . . . Und manchmal klimmt ein Gedanke in uns auf und verführt uns zur Skepsis: vielleicht war auch dieser Existenzdrang, der uns bis jetzt Leben gab, im Grunde keine allgemeine nationale Empfindung, sondern bloß eine individuelle eines Einzelnen. Nicht für das Wohl der Nation, nicht für deren Fortbestehen lebte Israel, litt und hoffte es und vermischte sich nicht mit den Völkern, sondern um seiner Religion willen, um jedes Einzelnen privates Streben nach menschlicher Vergeltung im Jenseits, im Reiche der Seelen. Es wußte, es sah, daß es in dieser Welt keine Belohnung für die gute Tat gibt, und glaubte, sie werde im Jenseits reichlich kommen, zum Leidwesen aller seiner Feinde. Denn, wäre in uns wirklich ein gesunder nationaler Instinkt, wäre dessen Lebenskeim nicht verwelkt, dann hätte sich Israel nicht für zweifelhafte Wahrheiten dem Tod in die Hände geworfen, sondern hätte aus sich heraus Helfer rekrutiert, Helfer zu einem siegesreichen Leben oder zu einem heldenvollen Tod . * . Aber die nationale Empfindung wurde schon längst von den verschiedenen Zerstörungen verzehrt. Die dynamische Kraft Israels als Volk, die Kraft, die das nationale Leben weiterbewegen und Existenzmöglichkeiten schaffen kann, ist allmählich erschöpft. Jeder Einzelne in Israel kämpfte und opferte sich nur für seine eigene Seele. Er kam zu der Berechnung, daß 310 Welten mehr sind als eine einzige, und daß es besser ist im Pialast selber, als in dessen Vorraum zu wohnen. Und diese Rechnung wies ihm den Weg — die Last des Exils zu tragen, in Not zu sterben und sich nicht zu assimilieren.

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