Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 2 (28.5.1914)
- Article
- Der jüdische Weltschmerz
- Date
- 1914-05-28
- Page
- 109 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sch. L Hurwitz, Der jüdische Weltschmerz 109 y t * 3 Und noch dies: „Wenn das Judentum zugrunde gehen wird was werden dann diese Tausende und Abertausende von Juden anfangen, die auf Rechnung der Gemeinde und vom Judentume selbst leben — sie müßten doch Hungers sterben?" Mit anderen Worten: Das Judentum hat jetzt noch eine wichtige Aufgabe hinzubekommen — dem ganzen Personal, Chasonim und Schamosim, Schochtim und Dajonim, alten wie auch jungen1 Rabbinern Lebensunterhalt zu bieten. Und nun — weide, liebes „Rößlein", weide bis dir der Magen übergeht! Hast mit Gottes Hilfe Kraft noch genug, auch diese heilige Kumpaney zu tragen ... { So versteht man bei uns die Not der Juden und des Judentums! Und mit solchen Antworten wollte man unsere Existenzfrage lösen und die Herzen der durch „die Zeit Irregemachten" be ruhigen . . . 1 Waren solche, die trösten wollten und sich Mühe gaben uns zu beruhigen: Das nationale Gefühl, sagten sie, lebt nicht nach kühlen logischen Schlüssen. Ich bin der Sohn meines Volkes ebenso wie ich der Sohn meines Vaters bin. Aber diese Analogie widerspricht in der Hauptsache. Das Beurteilungsobjekt gleicht nicht dem Beweisobjekte. Das einende Verwandtschaftsverhältnis des einen gleicht nicht dem des anderen. Der Sohn wird nie aufhören ein Sohn dieses Vaters zu sein und kann nie Sohn eines anderen Vaters werden, mag ihm die Verwandtschaft mit seinem Vater auch unsympathisch sein. Im Verwandt Schaftsverhältnis des Sohnes zum Vlater gibt es merkbare körperliche Kennzeichen, wodurch sich dieses tiefer einprägt und nicht in der Luft hängen bleibt Anders aber bei der Verwandtschaft des Sohnes zu 'seinem Volke. Gibt es doch hier keine körperlichen Kennzeichen, denn nicht die orientalischen Haarlocken und nicht die gebogene Nase sind es, die das Verhältnis zwischen mir und meinem Volke festlegen, und doch nicht um derentwillen strebe und sehne ich mich, daß unsere Nation am Leben) erhalten werde, sondern um des Geistigen willen, das ich liebe, und dem ich mit dem Gefühle des Stolzes! folge. Und wenn ich in meinem Innern mein Verhältnis zu meinem Volke klar machen will, dann brauche ich nur die Bilder der Großen und Guten heraufzubeschwören und die Schlechten und Niedrigen aus dem Gedächtnis zu vertilgen, die nichts zur Ehre und zum Stolze Israels beigetragen haben. Die seelischen Verknüpfungen des einzelnen zu seinem Volke bestehen in den geistigen Errungenschaften und der Kultur, die sie vereinen. Sobald aber der Sohn des Volkes aufgehört hat, vom Geistigen seines Volkes Nahrung zu beziehen, und auch aufgehört hat, sein Leben nach