Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1914-05-28 · Heft 2 (28.5.1914) · p. 108

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 2 (28.5.1914)
Article
Der jüdische Weltschmerz
Date
1914-05-28
Page
108 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3119801-3119814-3119816-3121781--1522-3121875
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

108 Sch. I. Hurwitz, Der jüdische Weltschmerz j Der jüdische Weltschmerz (Zeitwirren) Von Sch. I. Hurwitz (Schluss) Muß man hier noch der naiven Antworten eines Rabbiners von überm Meer Erwähnung tun? — Auch dieser Rabbiner, mag* er auch noch jung sein, hat schon den Beigeschmack der Alten. Auch ihm ist alles so einfach, einfach bis zur Lächerlichkeit. Die Leiden Israels — wendet der Rabbiner ein! Die Juden leben Gott sei Dank in Frieden und in aller Ruhe. „Was fehlt uns?" fragt er; unsere Lage ist gar nicht schlecht, hätten wir nur in den Handelsgebieten keine Beschränkungen, dann würden wir unsere Not nicht so sehr empfinden." Das Geschäft — dieses ist das Allerheiligste der ganzen jüdischen Nation: Einst werden alle Grundbesitzer sich auf das Geschäft werfen. Und wenn die Juden in der Luft schweben und ohne Basis leben, was tut dies? Alle Bauern beneiden den Geschäftsmann. Ist denn ein Geschäft irgendeine Kleinigkeit? Schacher- Macher mit zerfetzten Hosen, faulen Erdäpfeln, mit Wachskerzen für den Versöhnungstag und mit Tefilim-Riemen — verlohnt es sich denn, dem jüdischen Volke nicht um derentwillen zu leben und zu sterben, und ein „Licht den Völkern" zu sein? Wahrlich, Gott tat Israel Gnade an, daß er es über alle Lande zerstreute — damit es ein Krämer werde." *) Nachtrag. Durch ein Versehen ist von der Fußnote zu dem Aufsatz Der jüdische Weltschmerz* (S 27 des Aprilheftes) der Schluß zurückgelassen worden. Dadurch blieb jene Bemerkung unverständlich und wirkte ungewollt ungastlich. Das dort Fehlende lautete: Trotz diesen Einwendungen — die hier umsoweniger unterdrückt werden durften, da ja Herr Hurwitz nicht gerade linde mit den nationalen Bestrebungen verfährt und seinerseits daran von uns keinerlei Zensur unterworfen wurde trotzdem gaben wir der Übersetzung gerne Raum. Der öffentliche Bann, dei über diesen Mann und seine schmerzvolle Skepsis verhängt worden ist, scheint uns töricht und wenig würdig. Töricht, weil viele dazu neigen werden, dem Verdikt zuliebe Hurwitzens Anschauungen gewichtiger zu finden als sie es sonst tun würden. Und nicht würdig: noch immer ist diese Skepsis eigenartiger und persönlicher als der blanke Optimismus, der von den Problemen nichts ahnt und dennoch in der gesamten jüdischen Presse Gastrecht genießt. Da sich zudem, dank ihrem Unbekanntsein, an Hurwitzens literarische Tätigkeit eine ganz verschlungene Legendenbildung knüpft, hielten wir es für unsere Pflicht, den westeuropäischen Intellektuellen endlich einmal dieser so sehr verketzerten Ideenwelt gegenüberzustellen. Die Schriftleitung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.