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Die Freistatt · 1914-05-28 · Heft 2 (28.5.1914) · p. 80

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 2 (28.5.1914)
Article
Nathan Birnbaums Werk
Date
1914-05-28
Page
80 (sequence 3)
Language
German
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80 Ueber Birnbaum sonderheiter dieses Mannes, dessen Charakteristik vielleicht in der Entwicklung beschlossen ist Man hat schon manchmal den Versuch gemacht, angelockt von den äußeren Aehnlichkeiten in der Begründung des Zionismus, Birnbaum neben Herzl zu stellen. Man hat verglichen und erklärt und gemessen. Man sollte so etwas nie tun, wenn man nicht zuerst jeden der Verglichenen für sich genau kennt imd versteht. Das Nebeneinander kann das Verständnis nicht bringen; geistige Größen sind nicht meßbar und wägbar. Was wir in aller Bescheidenheit sagen dürfen, ist nur, daß Birnbaum ein ganz anderer ist, als Herzl war. Durch eine Formel ist der Lebende sicher noch schwerer zu erklären als der große Tote. Und wenn sich zwischen diesen beiden Bahnbrechern unseres neuen Judentums oder besser zwischen ihren Ueberzeugungen von dem, was not tut und zum Heile führt, ein Spalt aufgetan hat, so wäre es nicht „Treue" gegen Herzl und den Zionismus, sondern es wäre kleinliche Dogmenknechtschaft, wenn man Birnbaum um die gerechte Bewunderung verkürzen wollte, die ihm gebührt * f Am wenigsten aber ziemt es sich, von der Höhe der Partei herab diesem Manne seine Verdienste und seine Größe mit der herablassenden Einschränkung zuzusprechen, daß er denn doch nur ein Theoretiker geblieben sei, ohne Wirken und ohne Tat. Mathias Acher setzt sich mehreremal, immer mit einem nicht unsichtbaren Lächeln, mit dem Wert und Begriff der Tat auseinander, jener Tat, zu der er sich nicht berufen "fühlt. Er glaubt nicht sehr an die Tat. Er glaubt an die Entwicklung. Immer mehr ist er zu einem Apostel der Entwicklung geworden, wenn auch, wie er meint, seine Anschauungen über Judentum und Zionismus erst zuletzt von dieser Wendung seiner Weltanschauung ergriffen wurden. Wenn er nun an einen Punkt stößt, in dem die natürliche Entwicklung, die allerdings gefördert und unterstützt werden n. kann, von „Ideen", von Ideologien und Konstruktionen gehemmt wird, wo der Geschichtshochmut der Ideologen, der bourgeoisen Romantiker, stärker zu sein glaubt, als die Kraft der Entwicklung, dort stutzt er und fängt an zu revidieren und zu kritisieren, neue, „natürliche" Wege zu suchen. Und wenn er gefunden zu haben glaubt, so spricht er. Er äußert seine Meinung um jeden Preis. Immer hat er Angst davor, die Partei, das Parteiwesen könnte ihn binden. Er ist auf der Flucht vor dem Intellektopfer, er schließt keine gefährlichen Kompromisse, duldet keine Verkleisterungen. Da? ist ein wesentlicher Zug in seinem Bilde: er ist ein Fanatiker, wenn ich dieses Wort im edlen Sinne gebrauchen

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