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Die Freistatt · 1914-05-28 · Heft 2 (28.5.1914) · p. 81

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 2 (28.5.1914)
Article
Nathan Birnbaums Werk
Date
1914-05-28
Page
81 (sequence 4)
Language
German
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Ueber Birnbaum' 81 darf, er ist ein Fanatiker der Persönlichkeit, des Ich, das ihm nur dann eine wirkende Kraft ist, wenn es sich in die Entwicklung einordnet. Sein Wesen ist ihm etwas Heiliges. Doch spricht er nie davon, weil es ihm selbstverständlich ist. Sich ausleben — er versteht den Sinn dieses Gedankens, aber er mißbraucht ihn nicht. Sein Wesen ist ihm etwas, was er keinen Augenblick der vermeinsten Nützlichkeit oder Zweckmäßigkeit opfert. Für taktische Gründe liegt in ihm kein Verständnis. Die Opportunität ist ihm wesensfremd. Darum hat er kein, aber gar kein Verhältnis zur politischen oder diplomatischen Arbeitsweise. Ihm scheint diese Methode ein Betrugsversuch an der Entwicklung, der mißlingen muß, er identifiziert die Entwicklung der Kraft mit der Kraft der Entwicklung. Er sucht den großen Zug im Leben des Volkes, der Sprache und der Kultur zu erkennen, er sucht die natürlichen,, von allen realen Gründen bedingten Tendenzen zu erfassen — und daß ihm das gelingt, hat er denn doch bewiesen —, und wie er sie erkannt hat, so sucht er sie zu verwirklichen, ohne je die Variabilität der Ursachen und Wirkungen aus dem Auge zu verlieren, o"hne je in Pedanterie oder im eigensinnigen Erfinderstolz sich an seine» Ideen, das heißt an die vermeintliche Richtigkeit der erkannten Entwicklungstendenzen zu klammern. Er gibt leicht und offen zu, daß er geirrt hat. Das nennt man dann Inkonsequenz. Solange aber seine Bewußtheit ihn etwas für notwendig und natürlich halten läßt, solange kennt er kein anderes Maß daneben. Er ist ein Fanatiker der Unabhängigkeit. Nie hat er sich mit dem Wesen der Partei vertragen, die er, was bei uns teilweise schon eintrifft, durch Arbcitskadres ersetzt sehen will. Als* Geführter ist er überhaupt nicht denkbar. Und zum Führer fehlt ihm vielleicht die geradlinige Naivität, die bei ganz Großen kein Fehler ist. Sie ist vielleicht von einer gewissen Willcnsart nicht wegzudenken. Mathias Acher hat allerdings für diese Geradlinigkeit, diese primitive Größe nicht viel übrig. Denn sie scheint ihm Vergewaltigung der Entwicklung, der tausend Möglichkeiten des Lebens. Durch diese Hingebung an die Entwicklung hatte Nathan Birnbaum bisher scheinbar etwas Unruhiges, Zerfahrenes, Nervöses. Konsequenz war nicht die größte Tugend, die man ihm vorzuwerfen pflegte. Verläßlichkeit der Ueberzeugung glaubten manche ihm absprechen zu dürfen. Und sie taten es nicht so, als wenn sie das für etwas anderes als einen Fehler des Temperaments Wellen.. Er sei eben so: Lieber Gott, er wußte eben nicht recht, was er wollte- Einmal war er Zionist, dann wieder focht er fürs Golus, einmal hatte er die hebräische Sprächet gelten lassen, dann wieder die jiddische über alle Maßen ver-

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