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Die Freistatt · 1914-05-28 · Heft 2 (28.5.1914) · p. 79

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 2 (28.5.1914)
Article
Nathan Birnbaums Werk
Date
1914-05-28
Page
79 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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_ Ueber Birnbaum_*_79 eins wird. Sein Erkennen ist sein Handeln, sein Erkennen ist seine Tat, die nicht verweht. Wir müssen es angesichts dieses ersten Bandes der Schriften Nathan Birnbaums eingestehen, daß bis heute niemand vielleicht in der Lage war, das Lebenswerk dieses Mannes gerecht einzuschätzen. Die Linien,, die an ihm sympathisch oder unverständlich, groß und genial oder schüchtern der Wirklichkeit nachgezogen erschienen, sie gaben in ihre* Gebrochenheit vielleicht nur einer ganz kleinen Zahl von Freunden annähernd ein Ganzes, Das Bild, das von Nathan Birnbaum in der Vorstellung der meisten Juden der letzten Jahre gelebt hat, es war, das wird jetzt jeder sehen können, immer nur eine Momentphotographie; wenn einer nicht Stunde für Stunde, Jahr für Jahr,; Gedanke um Gedanke mit Mathias Acher gegangen ist — und ich weiß nicht, ob jemand solcher Weggenossenschaft sich rühmen darf —, wenn einer also aus der Fremde, aus einer anderen Generation kommend, sich für Gestalt und Anschauungen dieses seltsamen Westjuden erwärmte, der um das Ostjudentum warb wie um eine Braut, immer sah er ihn doch nur in einer kurzen Spanne Zeit, erhellt vom Blitzlicht des drängenden Momentes, inmitten der Kämpfe des Tages. Alle, auch die Großen eines Volkes, selbst wenn Kraft und Wirken sie hoch über das Mittelmaß hinaus in den Gesichtskreis liebevollster Aufmerksamkeit hineinheben, müssen sich diq Verzerrung gefallen lassen, daß einzelne beleuchtete Momente ihres .Wachsens und Werdens für ihr ganzes Gewordensein bürgen; daß der große Zug und Strom in die kleinen oder großen Katarakte aufgelöst wird, in denen ihr Wesen und Leberif von Tat zu Tat, von Bekenntnis und Erkenntnis zu Bekenntnis und Erkenntnis fällt. Kein Kinematograph vermittelt das geistige Leben in seiner Absolutheit und in seiner Bedingtheit. Und um die Erschließung von Mathias Achers Werden und Wesen ist es noch besonders schwierig bestellt gewesen. Wenn es der Zweck seines Lebens, das Ziel seines Wirkens gewesen wäre, gekannt und erkannt zu sein, verständlich und übersichtlich, so dürfte man von einer stillen Tragik sprechen, die vielleicht jetzt eine Lösung findet. Doch ist ja das Leben sich selbst Zweck. Jedenfalls aber breitet di!e Sammlung der Schriften Nathan Birnbaums sein geistiges Wurzelfassen und Wachsen in dem Boden der jüdischen Frage vor uns aus, daß es un^ wenigstens nicht geheimnisvoller ist als derartige Entwicklungsprozesse überhaupt zu sein pflegen. L Jetzt rundet sich's aus den scharfen Zügen und kleinen Strichelchen und andeutenden Lichtern harmonisch zu einem Bild, zu einer Geschlossenheit. Und jetzt begreifen wir die Be-

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