Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 2 (28.5.1914)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1914-05-28
- Page
- 73 (sequence 2)
- Language
- German
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Ueber Birnbaum 73 in den Ländern des Golus."*) Klingt dieses selbstbewußte Be kenntnis nicht wie eine niederschmetternde Selbstanklage des Politikers? Wie wäre eine zionistische Massenbewegung mit all ihren — golusnationalistischen, kulturellen, religiösen — Nach- und Nebenklängen denkbar, wenn sie nicht bei ihrem ersten Sturmlauf, bei Prägung der Schlagworte, dieser unentbehrlichen Voraussetzung jeden Volksaufschwunges, von der grundsätzlichen; unversöhnlichen Qolusnegierung ausgegangen wäre?! Vom Zionismus lenkt Mathias Acher bald über den Golusnationalismus zur Religion ab, „Der völlige Durchbruch des niedergehaltenen Spiritualismus." Doch sind etwa die früheren* Stufen dieser — an sich von einer unverkennbaren inneren i, Gesetzmäßigkeit getriebenen — Wandlung überwunden? Keineswegs! „Zu den meisten Forderungen dieses Nationalismus bekenne ich mich nach wie vor mit allem Nachdruck."**) Was will das sagen? Materialistischer Zionismus halbmaterialistischer Golusnationalismus — ganz idealistischer religiöser Spiritualismus — wenigstens in ihren Endergebnissen — in einer menschlichen Seele akkumuliert Ein Territorium für die armen wandernden Judenmassen, Zion als geistiges Zentrum für die besitzenden Golusjuden, nationale Autonomie für sämtliche Diasporaländer, ein alljüdisches Parlament, der jüdische Emigrationskongreß, demokratische Sozialpolitik, politischer Radikalismus, Jiddischismus für den Westen, Europäismus für den Osten, Hebraismus für Ost und West und nun — religiöse Erleuchtung für „Klal-Isroel". Wollte diese Aufzählung auf Vollständigkeit mindesten Anspruch erheben, sie würde dem Jubilar bitteres Unrecht zufügen. Die Propagierung dieser zahlreich emporsprudelnden Ideen hat Acher bisher gehindert, sein theoretisches Lebenswerk in ein System zu bringen. Seine prinzipiell systemlose Bejahung alles Jüdischen — sein A11 j u d e n t u m! — raubte seiner politisch gesellschaftlichen! Betätigung den oft wohlverdienten Massenerfolg. Der Farbenreichtum der Anschauung rächt sich durch düstere Einsamkeit der Betätigung, Predige ich hier Parteifanatismus? Zyklopenblindheit der Lebensfülle gegenüber? Armselige Selbstbeschrankheit? Nein. Nur — Oekonomie der Tat, der Grundvoraussetzung alles sozialen Schaffens, die Unterordnung des "überschwänglichen Lebensreichtums unter zusammenfassendes, kondensierendes re- *) Dr N. Birnbaum, Zur Frage Religion oder Ethik? .Freistatt" 1914]DC **) ibid.