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Die Freistatt · 1914-05-28 · Heft 2 (28.5.1914) · p. 69

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 2 (28.5.1914)
Article
Jüdisches Wesen und jüdisches Leben
Date
1914-05-28
Page
69 (sequence 4)
Language
German
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70_Dr. Nathan Birnbaum, Jüdisches Wesen usw._ Händen bisher die ganze jüdische Wohlfahrtspolitik lag. Alle diese halb- und dreiviertelfremden west-, Intelligenz- und kapitaljüdischen Patrone haben mit all ihlren Millionen oft trotz besten Willens niemals Wesentliches geleistet Sie können das Wesentliche gar nicht sehen. Das kann nur das Volk selber, wenn es einmal zum Bewußtsein seiner Notwendigkeiten und seiner Kräfte kommt. Von seinen mehr oder minder brüderlichen Vormündern sich emanzipierend, muß es in geeigneten Organisationen seine Sache selbst in die Hand nehmen. Im Gegensatz zu Wohlfahrtspolitik kann sich nationale Kulturpolitik nicht auf den Inhalt der Kulturtätigkeit, sondern nur auf Voraussetzungen und Mittel beziehen. Als eine solche Voraussetzung ersten Ranges sehe ich die Sprache an. Wohl ist sie erst vom Westen des Vtolkes geiboren, aber sie stützt dann dieses Wesen, indem sie ihm besondere Ausdrucksmöglichkeiten verleiht. Das jüdische Volk hat keine einheitliche Sprache, aber jede seiner eigenen, mit jüdischem Geist beseelten Sprachen erfüllt den Zweck, die betreffende jüdische Gruppe von den Nichtjuden kulturell zu sondern und zugleich dem Gesamtjudenr tum zu erhalten. Unter den verschiedenen eigenen jüdischen Sprachen ist das Jiddisch der Ostjuden die fruchtbarste, die Grundlage des aussichtsvollsten Kulturbetriebes. Und wir müssen alles daransetzen, um diesem mächtigen Kulturmittel die staatliche Anerkennung, die Schule, die Autonomie zu erringen. Was das Hebräische betrifft, so halte ich das Schrifttum in hebräischer (und aramäischer) Sprache aus religiösen, nationalkulturellen und historischen Gründen für ein lebendiges Gut des jüdischen Volkes und seine ausgedehnteste und intensivste Pflege für eine nationale Pflicht ersten Ranges. Doch beziehe ich das hebräische Sprechen in diese Pflicht nicht mit ein und sehe auch die dahin erhobene Forderung nicht in den seelischer* Bedürfnissen der Juden verankert und von den Verhältnissen nicht gegeben. (Sollte es speziell in Palästina zu einem allgemein; gesprochenen Hebräisch kommen, dann wäre dieses Hebräisch meiner Meinung nach nicht mehr und nicht weniger als eben eine unter den jüdischen Sprachen der Juden.) JV^an sagt nun den eigenen jüdischen Sprachen des Golus sowie allen anderen Kulturtatsachen und -forderungen des gegenwärtigen jüdischen Lebens ein baldiges Ende voraus. Nur das Ghetto hätte das jüdische Volkstum erhalten. Im Golus außerhalb des Ghetto jedoch könne kein jüdisches Sonderleben auf die Dauer gedeihen. Beweis: Das Schicksal der deutschen Juden. Ich behaupte, daß dieser Beweis hinkt, weil er die gewaltigen Unterschiede in den inneren und äußeren Vorbedingungen des beiderseitigen Geschehens übersieht. i

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