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Die Freistatt · 1914-05-28 · Heft 2 (28.5.1914) · p. 68

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 2 (28.5.1914)
Article
Jüdisches Wesen und jüdisches Leben
Date
1914-05-28
Page
68 (sequence 3)
Language
German
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68 Dr. Nathan Birnbaum, Jüdisches Wesen usw. i tum losgelöste jüdisch-geistliche Mission ausgeheckt haben. Ich habe mit dieser Theorie — die die jüdisch-geistliche Idee als fremdes Volkstum kuppeln, d. h. 'das Leben jüdisch geborener Menschen nach zwei diametral entgegengesetzten Weltanschauungen einrichten will, und die 'mir nur aus dem Milieu ihrer Schöpfer heraus begreiflich erscheint — 'gar nichts zu tun* Schon aus dem, was ich bisher sagte, war zu erkennen, daß ich das jüdische Volkstum voraussetze. Es fällt mir aber auch gar nicht ein, diesem Volkstum sozusagen nur ein geistliches Leben zuzugestehen. Ein solches gibfs streng genommen gar nicht Alles Leben ist weltlich, Geistliche Weltanschauung steht nur im Gegensatz zu weltlicher Weltanschauung, aber nicht zur Welt selbst. Nichtwillen zur A^acht bedeutet noch nicht Nichtwillen 'zum Leben. Geistliche Weltanschauung ist nicht Verneinung des Lebens, sondern die Tendenz, das Leben mit einer Ahnung des Außerweltlichen zu durchdringen und ihm damit eine eigene Gestaltungsmacht einzupflanzen, die es mit den großartigsten Konzeptionen versieht. Damm ist ja auch das Golus — diese Wirkung der Entweitlichung und dieses Werkzeug geistlicher Zucht — vom ersten Augenblick an bis auf den heutigen Tag zugleich eine angemessene Basis für jüdisch-weltliches Geschehen, für die Formung eines erlesenen Menschentypus von trotziger, praktischer Selbstbehauptung und für das Hervorquellen einer Fülle von Lebensstil und Poesie. ' Ein grandioses Beispiel dieser lebenerzeugenden Macht des Golus stellen die neuen Kultur- und Wirtschaftstatsachen der Ostjudenheit dar — dieses Blocks, der drei Viertel des ganzen jüdischen Volkes umfaßt. Vieles ist da noch roh, unfertig, ja manches unerfreulich, einiges sogar schon im Verfall, aber alles zusammen bietet doch das Bild einer ursprünglichen Bewegung von Energien, einer natürlichen Schaffung und Ausbildung von Organen, einer gewaltigen Beseeltheit. Was noch fehlt, ist nichts als mehr Erkennen, Anerkennen und Organisieren dieser Kraft Und diese Lücke auszufüllen, planvolles Arbeiten für die Erhaltung und Gestaltung, Stärkung und Steigerung der jüdischen Positionen in der ganzen Welt halte ich für eine Aufgabe, bei der jeder mithelfen kann und muß, der die Eigenart des Volkes am besten im schreitenden Leben verbürgt sieht. Zu den großen jüdischen Wohlfahrtsaufgaben der Gegenwart zähle ich vor allem) die Organisierung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kräfte an den bisherigen Siedelungsorten. Nicht alle können, nicht alle wollen und nicht alle müssen wandern. Und die schon gewandert sind, müssen an ihren neuen Orten bodenständig werden können. Die Mittel, die für diese

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