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Die Freistatt · 1914-05-28 · Heft 2 (28.5.1914) · p. 67

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 2 (28.5.1914)
Article
Jüdisches Wesen und jüdisches Leben
Date
1914-05-28
Page
67 (sequence 2)
Language
German
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k Dr. Nathan Birnbaum, Jüdisches Wesen usw. 67 Typs vor. Das Königtum und das Priestertum hatten die geschichtliche Rolle, ihn aktiv oder passiv abzuwehren. Die Propheten und später die Rabbinen haben ihn zum Siege geführt. Die furchtbare Schwierigkeit und Langsamkeit dieses Sieges, d. h. die ewige Auflehnung gegen die innere Berufung des Volkes lassen das Golus als verdiente Strafe erscheinen. Rein kausal betrachtet ist es die natürliche Wirkung der allmählichen Entweltlichung des Volkes im jüdischen Lande. Selbstverständlich hat die geistliche Grundtendenz des jüdischen Wesens im Golus weitergewaltet und mit jedem neuen Jahrhundert sich weitervertieft. Aus dieser Zucht der Jahrtausende wuchsen die zahlreichen jüdischen Menschen mit unerbittlichen Forderungen hervor: Die Gerechten des religiösen Gesetzes, die mystischen Ekstatiker, die Prediger des sozialen Gewissens. Bis in die letzten und feinsten Verzweigungen des neuzeitlichen Lebens lassen sich die Wirkungen dieser beispiellosen geistlichen Zucht verfolgen. Aber in den letzten Zeitläuften ist doch eines verloren gegangen. Die schon durch gewisse Anzeichen bekräftigte Aussicht, daß aus dem fetten geistlichen Boden wieder wie einstmals das ganz Große sprießen werde: neue welterlösende Werke, neue Menschen der großen Botschaft. Und Schuld an diesem Verlust ist die „Haskole". Indem sie die großen und nach ihnen die kleinen Geister blind machte — so daß sie die gewaltige Kräfteaufstapelung in der jüdischen Weltanschauungs- Organisation nicht mehr sahen und diese verließen —, hat sie diese selbst und mit ihr heue Wunder des jüdischen Geistes in Frage gestellt. Weil jedoch die jüdischen Menschen selbst nicht mehr zu ändern sind — nur maskilische, d. h. schief gewachsene Geistlichkeit kann es versuchen wollen —, ist für das jüdische Volk ein Wiederaufschwung nur dann denkbar, wenn es sich auf sein Wesen auch als Volkspflicht besinnt. Das jüdische Volk wird entweder wieder die große Zuchtanstalt geistlicher Lebensauffassung sein und aus dieser Anstalt wieder große erlösende! Energien freimachen wie einstmals, oder es wird überhaupt nicht sein. Ich glaube aber, daß es sein wird. Gewisse Zeichen verkünden die beginnende Abkehr der Geister von der allzubequemen ungeschichtlichen und analytischen Betrachtungsweise^ und damit die Hoffnung, daß das als Weltansthauungsgemeinschaft organisierte jüdische Volk seine heißesten Herzen und stärksten Hirne bald nicht mehr wird zu verlieren brauchen. Hoffenilich mißversteht man mich nicht und zählt mich nicht den westjüdischen Predigern zu, die eine vom jüdischen Volks-

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