Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 1 (30.4.1914)
- Article
- Der jüdische Weltschmerz
- Date
- 1914-04-30
- Page
- 34 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Seh. L Hurwitz, Der jüdische Weltschmerz eine kleine Anzahl von Juden damit zu beschäftigen, die da immer zu Kongressen und Versammlungen fährt und Lärm schlägt, um sich und andere zu „betäuben". Und diese sind es auch, die Hedad rufen und in den Zeitungen über „stürmendes Händeklatschen" berichten — aber das ganze Volk sieht dies weder —, noch hört es etwas davon. Welcher Entschluß liegt also hier vor? Oder sehen wir es denn nicht, daß auf jeden jungen Juden, der national geworden ist, täglich zehn oder hundert kommen, die uns verlassen und sich einer'fremden Kuitur assimilieren? . . . Wo ist also der seelische Zusammenhang des zeitgenössischen, aufgeklärten Juden mit dem Judentum, etwa mit der jüdischen Nation, als eine Gemeinschaft für sich, die ein besonderes geistiges Dasein führt? Wo ist der Punkt, in dem die Seele, das ganze individuelle Sein des einzelnen mit der Seele des gesamten Judentums, mit diesem nationalen Dasein zusammenfließen? Wo gibt es diesen einzigen, der seine eigenen Bedürfnisse mit denen des Judentums vereinigt? Kann er sich seinem Volke hingeben mit der Gewißheit, darin auch für seine Seele eine Aufgabe gefunden zu haben? Der Jude des Westens lebt lange schon, sowohl physisch als auch geistig, in einer fremden Kultur, und sein Leben als Jude, will sagen, seine jüdische Seeie befriedigt er mit einem Besuch im Tempel einmal im Jahre, mit einem „Ijskor-Gebet" für seine nächsten Dahingeschiedenen — und mit einem jüdischen Friedhof, wenn er das Zeitliche gesegnet hat. Während seines ganzen Lebens spürt er in sich fast überhaupt keine besondere Aufgabe als Jude. Nun kam der russische „Frühling" und tat uns kund, daß auch der Osten solchen Lebenserscheinungen entgegengehe, sobald ihm nur die Regierung ein wenig Wohlwollen schenken würde. Und das Ende dieses Schauspieles ist doch nicht schwer vorauszusehen ... * Au? die Frage: wo ist die Grundlage für ferne Hoffnungen, worin liegt die Garantie für die Zukunft und Existenz eines so alten Volkes wie des unsrigen — wir sehen doch, daß es größere und stärkere Völker gab, und unter ihnen solche, die über eine ausgedehnte Kultur verfügten und doch zugrunde gingen? —, wird mancher erwidern: „man soll an die Historie keine Fragen stellen! Wenn andere untergingen, und wir trotzdem weiterbestehen — so beweist dies, daß jene aus historischen Ursachen untergehen, und wir weiterbestehen mußten." Aber wie soll man sich mit einer solchen Antwort zufriedengeben? Kann man doch mit einem solchen Fatalismus alle zionistischen Bestrebungen dieses Antwortgebers selbst zunichte machen: wenn alle Völker auf ihrem eigenen Boden in Frieden