Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 1 (30.4.1914)
- Article
- Der jüdische Weltschmerz
- Date
- 1914-04-30
- Page
- 32 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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32 Sch« L Hurwitz, Der jüdische Weltschmerz daß diese seelische Angst, die sich in dieser Frage breit machte, ihre volle Berechtigung hatte, und daß man auch zur Proklamation einer Prognose schreiten mußte, um dieser verwickelten Krankheit, die in Israel Platz griff, abzuhelfen. Wir sahen, wie groß die Leere im Judentum selbst ist, daß es nicht einmal die; Kraft besitzt, in welcher Not auch immer die Seele seines Volkes auszufüllen. Es hätte dajnals nur ein kleiner Lichtstrahl aus der Ferne genügt, um die Besten des russischen Judentums irrezuleiten/ Wir sahen damals, daß es in uns keine objektiven Kräfte mehr gibt, um weiter zu leben, sondern nur einen passiven) Seelenzustand, der sich von jedem beliebigen Winde hin und her schaukeln läßt ... Es untersteht keinem Zweifel, daß viele von den Streitkräften zugrunde gegangen wären, wenn dieser „Frühling" lange angedauert hätte. Es wäre unserm Volke in Rußland nichts von seinem Judentume geblieben, als das hohe Ziel — gegen alles und jeden zu protestieren, wie dies auch beim Westjudentum der Fall war, diesem „Schiboleth", an das sich seinerzeit unsere 4 großen Brüder geklammert hatten — unsere großen, trotz der Mißachtung der kleinen, beschränkten und engherzigen —, als ihnen die Goluslast zu schwer, als itrtien der zauberische Kreis der Qhettolegenden zu eng geworden war, und sie sich nach Lichtstrahlen aus der Ferne sehnten, und dennoch, dennoch den letzten Faden nicht zerreißen wollten, der sie mit ihrem Judentum zusammenhielt ... Ja nur die Aufgabe zu protestieren blieb damals der russischen Judenheit zurück. Aber wie armselig ist ein Lebensinhalt, der immer nur negativ und bloß danach angetan ist, um andere zu „ärgern". Und wie kann denn ein ganzes Volk von dieser ärmlichen Kost von Negationen und Protesten leben, die nur dazu da sind, um die Nerven zu zerrütten und um Haß bei den anderen Völkern sich zuzuziehen? Wenn das Judentum in sich selbst nichts hat, was nützen da Negationen und Proteste? Werden sie uns vielleicht die Kraft geben, um die Sturmfluten aufzuhalten, die uns zu verschlingen drohen? . * . Aber es fanden sich unter uns wohlmeinende Manne die in der Prognose, die damals gestellt wurde, den Kern der Krankheit selbst sahen, und sie bemühten sich, diese Frage mit einem Handumdrehen abzutun, wohl um das „Uebel mit der Wurzel auszujäten". Und wie sonderbar! Unter diesen, „die immer Antworten bereit haben", gibt es auch solche, die manchmal selbst ^fragen". Konnte man doch ganz gut voraussetzen, daß solche, die immer Antworten zu geben wissen, sicher gut informiert seien und keiner Skepsis mehr anheimfallen. Aber wie groß war unser Erstaunen, als wir ihre leeren Einwände »