Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 1 (30.4.1914)
- Article
- Der jüdische Weltschmerz
- Date
- 1914-04-30
- Page
- 30 (sequence 5)
- Language
- German
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30 empfunden und durch sich selbst bestimmt wird* Es hörte auf zu glauben an die Belohnung der Gerechten im Jenseits, hörte auf zu glauben an die (aufgeschlagen Früchte, die des auserwählten Volkes harren in der Welt, die ganz Güte ist — und deshalb wurde es müde, seine Einsamkeit zu tragen . . . Unsere Vorfahren fühlten sich in ihrer Einsamkeit nicht gedemütigt — denn sie glaubten. Und wirklich hatten sie im Mittelalter fast ein Recht dazu, auf sich wie auf ein „auserwähltes Volk" zu blicken, mit einem Gefühl des Stolzes, das ihnen einerseits die Möglichkeit gab, die Schmach der Verbannung ohne „Murren" zu ertragen, und anderseits sie auch davon abhielt, sich; mi|t anderer^ Völkern zu vermischen. Denn es ist doch unmöglich Gleiches mit Ungleichem zu paaren. Der Unterschied zwischen Israel und anderen Völkern war unsern Eltern nicht nur ein Unterschied des Grades allein, sondern ein Unterschied des Wesens, der Gattung. Und Rabbi J e h u d a H a 1 e v i ist von seinem Standpunkte aus sehr gerecht, wenn er sagt: „Gäbe man mir die' Wahl, so hätte ich mich nicht als einen solchen erschaffen lassen, der keine Lehre besitzt (die Lehre Israels!), ebenso wie ein Mensch erkrankt und, von seinen Leiden geplagt, es nicht wählen würde, ein Pferd, ein Fisch oder ein Vogel zu werden, dem große Freude zuteil wird . . ."*) Aber ganze Perioden verstrichen. Hunderte von Generationen starben aus, und Israel sank im Exil immer tiefer und tiefer. Je mehr und mehr es sich von den Wurzeln seiner Seele — vom Lande Juda entfernte, desto mehr erlahmte seine Schaffenskraft, ermüdete sein Willen. Dornen und Disteln begannen auf seinen Feldern zu blühen, und der Quell seines Lebens trocknete ein und versiegte. Inzwischen aber erklommen die Völker, in deren Mitte sie wohnten, alle Sprossen der Vervollkommnung, und es entstand ihnen eine vielfältige Kultur, wie sie unsere Vorfahren ihresgleichen an Schönheit und Pracht, an Feinnervigkeit und Gedankentiefe nie gesehen, es erstand ihnen eine weitverzweigte Zivilisation, die unsere Vorfahren nicht einmal in ihren schönsten Zeiten hatten. Und als die Freiheit des Westens auch die Mauern des Ghetto durchbrach, schlüpften die Juden hervor aus den Löchern und Winkeln, und es gefiel ihnen das Licht, freilich nicht das ihrige, sondern gerade das in der „fremden Nachbarschaft", jenseits der Brücke. Sie erschraken. Im Anblick dieser Völker begannen sie ihre eigene Armut zu spüren, ihre Demütigung und ihren Schmerz. Sie begannen die Enge ihres Horizontes zu empfinden, und die Kleinlichkeit ihres Lebens, das Ghetto, wurde ihnen zu eng. Dieses alle, zu dem ihre Vorfahren mit solchem Stolz aufblickten, erschien ihnen *) Hakusari, 8. Artikel 20. Abschnitt